Thiago

Vom ersten Moment an fühlt sich Thiago von der Kamera angezogen. Der metallische Rahmen, die Knöpfe und Rädchen faszinieren ihn. Er streckt seine Hände nach dem Glas des Objektivs, nach dem Sucher, um zu fühlen, woraus dieses Ding gemacht ist. Warum es ist, was es ist.

 

Ein älterer Mann macht mich auf ihn aufmerksam, als ich mit den Patienten Zeit vor den Untersuchungsräumen verbringe. „Das ist Thiago“, sagt er und deutet auf das Kerlchen, das verschmitzt zu mir aufschaut. „Hallo Thiago“, sage ich und bekomme keine Antwort. Sein Blick bleibt verschmitzt und interessiert, seine Augen wandern zwischen mir und der Kamera hin und her. Ich mache ein paar Fotos von ihm. Thiago lässt es geschehen und beobachtet mein Tun mit Stolz und Skepsis. Er lächelt nicht, er schaut nur.

Am Morgen vor der OP ist Thiago bester Dinge. Es amüsiert ihn, dass ihm ein weißer Kittel angezogen wird. Er lacht, weil gleichzeitig drei Leute an ihm herumzotteln. Halb im Spaß wehrt er sich dagegen, zieht mal seinen Arm weg, strampelt mal mit den Füßen. Und auch die Kamera ist wieder da. Was für eine Unterhaltung!

 

Natürlich registriert er die ungewohnte Umgebung, die außergewöhnliche Situation - vielleicht fällt ihm auch die Nervosität seiner Eltern auf, doch Thiago ist eher neugierig als beunruhigt. Erst als Rita kommt, um ihn für die Operation abzuholen, als sein Vater in Tränen ausbricht, merkt er, dass etwas passieren wird. Rita nimmt ihn auf den Arm und geht in Richtung OP. Plötzlich ändert sich die Umgebung, es gibt nur noch künstliches Licht und wird deutlich kühler. Das überträgt sich auf den kleinen Kerl und er fängt an zu weinen, streckt seine Arme in Richtung Mutter und versteht keinen Spaß mehr. So klein und zierlich Rita ist, so resolut trägt sie Thiago zum Operationstisch, legt ihn hin und drückt ihm die Betäubungsmaske auf den Mund. Es dauert nur wenige Sekunden und Thiago schläft.

„Schau mal, Dirk, deswegen ist der Junge hier“, sagt Dr. Grace und winkt mich zum OP-Tisch. Thiagos Kopf ragt über diesen hinaus und ist nach hinten gekippt. Sein Mund steht weit offen und ist mit allerlei Klemmen fixiert. Ich schaue in seinen Rachen und sehe eine große Gaumenspalte. „Wenn dies so bliebe, würde der Junge nie richtig essen können“, erklärt Dr. Grace, „und auch mit dem Sprechen hätte er erhebliche Probleme.“

Es ist warm und stickig und dort, wo die OP-Lampe nicht hinleuchtet, liegt ein träges Halbdunkel. Das Team ist ruhig und jeder Handgriff sitzt. Die Stimmung ist gelassen, aber konzentriert. Schon nach etwa einer Stunde beginnen Olga und Dr. Grace die Wunde zuzunähen. 

Thiago sitzt in einem Kinderbett, aus seinem Mund tropft Blut, die Augen sind verheult und er ist wütend. Er ist soeben aufgewacht und will nicht verstehen, warum man ihm das angetan hat. Jeder Versuch, ihn zu beruhigen, scheitert. Jede Annäherung der Schwestern weist er unwirsch von sich. Das Spielzeug, das ihm zur Aufheiterung präsentiert wird, juckt ihn nicht. Mehrere Erwachsene versuchen sich an ihm: die Krankenschwestern, seine Eltern und die Großmutter. Doch Thiago will nicht. Er ist wütend. Er schreit, strampelt und schlägt gelegentlich um sich.

Die Eltern sind einerseits beruhigt und erleichtert - die OP ist überstanden. Doch ihr rebellierender Sohn lässt ihnen keinen Augenblick der Entspannung.

„Hat er Schmerzen?“, frage ich die Schwestern. Nach wie vor ist sein Mund blutig und der Blick wütend. „Nein“, antwortet sie, „es ist alles normal. Das sieht etwas fürchterlich aus, gehört aber dazu. Schmerzen hat er nicht, ist wohl eher der Schock.“

Am nächsten Morgen sind das Blut und die Tränen verschwunden. Der Blick ist wieder skeptisch und wenn Thiago schon sprechen könnte, würde er fragen: „Was nun?“

Sowohl Thiago als auch seine Mutter sind ruhiger als am Vortag. Sogar ein schüchternes Lächeln umspielt seinen Mund. Als Dr. Grace zur Visite erscheint, verkriecht sich Thiago ans obere Ende des Bettes. Der Doktor will die Heilung überprüfen, doch Thiago windet sich. Was passiert hier? Dr. Grace streckt sich auf das Bett und kriecht dem Jungen mit der Lampe hinterher. Schließlich gelingt es ihm, einen Blick zu erhaschen. „Ok, er kann das Krankenhaus verlassen und ins Centro Pastoral verlegt werden. Sieht alles sehr gut aus.“

 

***

 

Einen weiteren Tag später sitzt Thiago im großen Schlafsaal auf dem Schoß seiner Mutter und hat ein Handtuch über dem Kopf. Er spürt, was ihn erwartet: Der Doktor schaut mal wieder vorbei. Warum also nicht mal so tun, als wäre man nicht da? Wer nicht da ist, kann nicht untersucht werden. Alles schmunzelt über den kleinen Kerl.

Dr. Grace wird schließlich entscheiden, dass Thiago nach Hause darf. Zwei Tage sind vergangen seit der OP, seit drei Tagen ist er jetzt hier in Chulucanas. Er scheint zu verstehen und blüht auf. Selbstbewusst stolziert er durch die Hallen und an den Räumen des Centro vorbei. Seine Mutter müht sich, den zuvor so schüchternen Jungen in Zaum zu halten.

Mir wird bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit zu Ende geht und ich werde traurig.

Der Pickup rollt die Landstraße entlang. Der Motor brummt ruhig und behaglich. Die Landschaft zieht vorbei, trockene Flächen, kahle Bäume, hin und wieder eine kleine Siedlung. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und hänge meinen Gedanken nach. Niemand sagt ein Wort, alle sind nachhaltig beeindruckt. Wir sind auf dem Rückweg von La Matanza nach Chulucanas. Wir haben Thiago und seine Familie zu Hause besucht.

Auf dem Hinweg bin ich äußerst nervös. Fühle mich wirklich unbehaglich, wie ein Eindringling. Schon die Frage an die Eltern zwei Tage zuvor, ob sie sich einen Besuch vorstellen können, kostete Überwindung. Doch sie stimmten freudig zu. „Ihr habt so viel getan für meinen Jungen - wir heißen Euch sehr gern willkommen“, so Thiagos Vater.

Nur mit Mühe finden wir Thiagos Tante. Ein paar Mal müssen wir nachfragen, bevor wir vor der richtigen Tür stehen. Die Familie ist hier eingezogen, da Thiago sich hier besser erholen kann.

Die Mutter öffnet die Tür und strahlt. Ich bin erleichtert. Freundlich lachend führt sie uns zu ihrem eigenen Haus. Wir steigen dazu noch einmal in den Truck und fahren fünf Minuten weiter.

Dort fühle ich zum ersten Mal, wie wichtig dieses Hilfsprojekt ist. Nicht nur der Verstand, auch das Herz realisieren, was Armut wirklich ist. Das Haus besteht aus einem einzigen Raum, die Wände aus Lehmziegeln und alles wird geschützt von einem einfachen Dach. Im Innern ist buchstäblich nichts: keine Möbel, kein Wasseranschluss, kein Abfluss und kein Strom. Der Boden besteht aus nackter Erde. Wir ziehen in Betracht, dass die Familie ihr Hab und Gut zur Tante gebracht hat und dennoch verschlägt es uns die Sprache und wir werden still.

Thiago ist dieser Besuch unheimlich. Er schmiegt sich an seine Mutter und hofft, ohne Behandlung davon zu kommen. Als wir zurück zur Tante fahren, wird er etwas munterer, erst Recht als ich meine Kamera mal wieder auf ihn richte. Beim Ausstieg nehme ich seine Hand und wir gehen gemeinsam ins Haus. Hier gibt es etwas mehr Komfort, hier wird gekocht, gewaschen und geschlafen. Es tut mir leid, dass wir wieder zurück und die Einladung, noch etwas zu bleiben, ausschlagen müssen. Denn Thiago wird immer fröhlicher, spielt mit mir und der Kamera und lacht.

 

Thiago lacht.

© 2015-2017 By Dirk Heinecke