Was die Sonne schafft an einem Tag - X

June 20, 2018

 

Dienstag, 29. Mai 2018 - Cusco, Peru


Zeit für lange Unterwäsche in der Nacht. Cusco liegt auf 3.400 m und Heizungen scheinen überbewertet in Peru. In der Nacht fällt die Temperatur bis auf null Grad und nicht nur in der Lobby des Hostels, auch in meinem Zimmer wird es sehr kalt. Doch Odlo sei Dank friere ich kaum, sofern ich die drei Decken nicht von mir strampele.


Viel schwerer fällt die Gewöhnung an die Höhe. Über Nacht entwickeln sich Kopfschmerzen - obwohl ich viel trinke, ein, zwei Coca-Blätter kaue und auf ein Willkommens-Bierchen verzichte. Heute morgen dann denke ich zunächst es wäre alles ok - bis auf den Kopf - doch beim Frühstück wird mir abwechselnd schwindlig, übel oder kalt. Stehe nach wenigen Minuten wieder vom Tisch auf und lege mich für eine weitere Stunde ins Bett. Danach etwas besser. Gehe raus, spaziere durch das wundervolle Cusco, kaufe Tickets für Machu Picchu und den Zug dorthin. Die Sonne lacht und ich beginne, den Tag zu genießen.

 

 

 

 

 

Mittwoch, 30. Mai 2018 - Aguas Calientes, Peru
 

5.15 Uhr aufstehen, um den Zug von Cusco nach Machu Picchu zu nehmen. Es ist arschkalt am Morgen und fühlt sich irgendwie nach Skiurlaub an. Von wo aus fährt denn die Gondel?


Der Bahnhof liegt zwanzig Minuten außerhalb von Cusco. Auf der Fahrt mit dem Taxi offenbart sich das enorme Gefälle in Peru. Während das Zentrum schick, geputzt und wunderbar angenehm ist, sich Boutiquen, edle Hotels und Restaurants aneinander reihen, wühlen nur wenige hundert Meter entfernt die Straßenhunde im Müll, schleppen die Menschen mit verhärmten, müden Gesichtern Waren zum Markt, erscheinen Häuser, Straßenzüge, Geschäfte nicht mehr halb so attraktiv.


Der Taxifahrer quatscht mich auf Spanisch zu - ich sollte nicht immer vorgeben, die Sprache ein wenig zu beherrschen! Ich verstehe nicht viel, spüre jedoch seine Intention. Sätze, die mit "Hey, Amigo" beginnen, setzen sich meist mit Fragen zu meiner Reise, meinen Plänen fort und enden immer mit konkreten Angeboten. Natürlich nervt das etwas. Ich versuche es aber nicht übel zu nehmen. Jeder kämpft hier um sein Auskommen und ich bin ein Puzzleteil desselben. Oder könnte es sein.


Der Zug ist schick und komfortabel - möchte auch sein für $70 für die einfache Strecke. Neben mir lässt sich Edson nieder, ein sehr sympathischer Guide aus Cusco, der eine belgische Gruppe älterer Herrschaften nach Machu Picchu führt. Er erzählt mir, dass er im Dschungel in einem sehr entlegenen Dorf aufgewachsen ist, dass er vor mehr als zwölf Jahren mit wenig mehr als seiner Kleidung nach Cusco gegangen ist, dass er der Erste seines Dorfes ist, der Englisch spricht und dass er die Bahn eigentlich hasst, weil sie den Touristen sehr, sehr viel Geld abnimmt und davon nichts bei der lokalen Bevölkerung ankommt. Wir sprechen über Armut, Korruption, internationale Konzerne, denen außer ihrem Profit alles egal ist. Draußen ziehen die Lehmhütten vorbei, verrichten die Menschen Feldarbeit mit den bloßen Händen. Mich befällt mal wieder ein schlechtes Gewissen, so isoliert und beschützt, wie ich durch diese raue Welt getragen werde.

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 31. Mai 2018 - Aguas Calientes, Peru
 

Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Das eine ist ein demütiges, ein zutiefst dankbares, welches sich bewusst ist, wie außergewöhnlich meine Reise ist. Welches sich glücklich schätzt und jeden Moment als ein Geschenk betrachtet. Noch mehr als vier Wochen vor mir.
 

Das andere ist ein gieriges. Könnte ich so weitermachen? Auf jeden Fall! Habe ich Heimweh? Keineswegs! Mangelt es an Ideen, Zielen, Plänen? Nein, nein, nein! Was ich vermisse? Meine Familie, Freunde, eine Umarmung, vertraute Gespräche - sonst nicht viel. (Deutsches Schwarzbrot vielleicht.)
 

Gerade an fantastischen Tagen wie diesem spüre ich beides: Demut und Gier.
 

Demut vor der Natur, die man sehen und fühlen muss und nicht durch Fotos vermitteln kann. Vor der Geschichte und ihren berückenden Geheimnissen. Vor der Tatsache, wohlhabend zu sein, sich das teure Erlebnis Machu Picchu leisten zu können. Vor dem Umstand, noch jung und fit genug zu sein, um den Montana Machupicchu erklimmen zu können.
 

Gier nur aus einem Grund: weil es glücklich macht.

 

 

 

 

 

 

Der Tag beginnt sehr früh und ich fühle mich wie ein Held, Abenteurer, Bergsteiger, da ich um kurz nach fünf Uhr frühstücke. Der erste Shuttle-Bus nach Machu Picchu fährt um 5.30 Uhr. Als ich um 5.37 Uhr auf die Straße am Fluss einbiege, in der die Bushaltestelle liegt, traue ich meinen Augen nicht. Vor mir warten mehrere hundert Menschen und die Warteschlange zieht sich durch den ganzen Ort. Es wird eine Stunde dauern, bis ich in einen der Busse steigen darf.
 

Als ich oben ankomme, liegt die zauberhafte Stadt der Inkas noch im Schatten. Nach wenigen Minuten jedoch blitzt die Sonne über den riesigen Bergen auf, steigt ihrer Bestimmung nach immer höher und erleuchtet die Ruinen einem Scheinwerfer gleich. Die Massen hören für einen Moment auf zu plappern und ich bin überwältigt und gerührt. Was für ein wunderschöner Anblick: die symmetrische Stadt vor dem Zuckerhut-Berg im morgendlichen Licht.
 

Meine andächtige Stimmung wird aber durch die Touristenströme gefährdet. Doch ich widerstehe meinem Reflex, genervt zu sein. Auch dann, als sich an engen Stellen regelrechte Staus bilden. Auf dem zentralen Platz stehen dutzende Grüppchen und die Guides überschwemmen sie mit Informationen. Habe bis zum Schluß mit mir gerungen, ob ich mich führen lassen soll. Am Ende ist mir jedoch die Atmosphäre wichtiger. Einen ruhigen Ort suchen, minutenlang die Szenerie genießen, den Gedanken freien Lauf lassen - all das geht mit einem Guide nicht.
 

Der Höhepunkt des Tages, mental wie geografisch, ist der Machupicchu Mountain. Glücklich ergattere ich zwei Tage zuvor in Cusco ein Ticket für den Aufstieg. Nur vierhundert pro Tag werden ausgegeben und angeblich muss man diese mindestens zwei Monate vorher reservieren. Der Aufstieg selbst ist herausfordernd, erschöpfend. Sechshundert Höhenmeter liegen zwischen den Ruinen und dem Gipfel. Der Weg nach oben gleicht einer endlos langen Kirchturmtreppe: Stufe auf Stufe, eng, schmal, steil. Der obere Teil spannend: links die Felswand, an der man etwas Halt suchen kann. Rechts der Abgrund. Ignoriere meine Höhenangst und versuche, mich durch die anderen Aufsteigenden nicht nervös machen zu lassen. So mancher krabbelt die steilen Stufen auf allen Vieren hinauf und ich stelle fest, dass "Verschnaufpause" ein sehr lautmalerisches Wort ist.
 

Die Aussicht vom Gipfel überwältigend. Hier mache sogar ich ein Selfie. Obwohl ich mich auf dreitausend Metern befinde, wirkt der Berg im Vergleich zu den anderen wie ein kleiner Hügel. In der Ferne sehe ich die schneebedeckten Gipfel, zum Teil über sechstausend Meter hoch.
 

In der kleinen Hütte, einen Müsliriegel kauend, lausche ich den lautstarken Ausführungen eines Amerikaners. Im Hilfiger-Pullover und Jeans, erzählt er, dass er plant, den Rainbow Mountain zu besteigen. Er sei sich noch nicht ganz sicher, ob ein Tag Akklimatisierung in Cusco (3.400 m) reiche. Eine andere Amerikanerin schaut ihn verduzt an. "Ich habe drei Tage in der Höhe verbracht und brauchte trotzdem Sauerstoff aus Flaschen. Der Gipfel liegt auf 5.200m !" Ich schaue amüsiert auf seine leichten Lacoste-Sneaker und denke: "Hoffentlich ziehst du dir wenigstens ordentliche Schuhe an."

 

 

 

 

 

Freitag, 8. Juni 2018 - Arequipa, Peru
 

Ach, es ist einfach wunderbar, sich nur im T-Shirt zu bewegen, die Sonne zu genießen und nicht bei jedem Schritt nach Luft zu schnappen. Sitze auf der herrlichen Terrasse meines Hostels in Arequipa mit Blick auf die Altstadt und die gewaltigen Vulkane im Hintergrund. Was für ein Anblick!
 

Die vergangenen Tage unterhaltsam, hatte jedoch arg mit Höhe, Wetter und Kälte zu kämpfen. Nach einem ruhigen Sonntag in Cusco dann weiter nach Puno am Titicacasee. Habe mich für den teuren, noblen Zug von PeruRail entschieden und eigentlich gibt es nichts auszusetzen. Mein Platz am Fenster mit kleinem Tischchen ist sehr bequem, das Essen und der Service sind überragend. Leider ist aber das Wetter beschissen. Es regnet in Strömen bei vier, fünf Grad und im Zug ist es arschkalt. Sitze am hinteren Ende des Waggons, direkt neben einer Tür und es zieht unentwegt. Kann mich gar nicht genug einpacken und bin mir sicher, mich in diesen acht Stunden zu erkälten.
 

Die Strecke führt durch das Hochland Perus bis hinauf auf 4.300 Meter. Die Natur ist wundervoll, erinnert etwas an die nordamerikanische Prairie und der Zug schnauft den Pass hinauf. Die Wolken kleben an den Bergen und ich kann die Schneefallgrenze der letzten Nacht deutlich erkennen. Als wir auf dem Pass aussteigen, begrüßen uns die obligatorischen Frauen mit ihren Waren und ein kleines Mädchen in Tracht, mit einem kleinen Lama in der Hand, stellt sich für Fotos zur Verfügung. Es liegt etwas Schnee und ist bitterkalt.
 

Hoffe eigentlich, dass das Wetter auf der anderen Seite des Passes besser wird. Schließlich ist Trockenzeit und am Titicacasee fällt im Juni keinerlei Regen. Doch das Gegenteil ist der Fall: es schüttet aus Eimern und das Wetter wird umso schlechter, je näher wir Puno kommen. Wir durchqueren die größere Stadt Juliaca und deren Anblick lässt meine angeschlagene Stimmung endgültig kippen. Alles ist grau und trist, auf den Straßen steht zentimeterhoch der Schlamm. Die Straßen sind fast schon elend mit ihren notorisch unfertigen Häusern aus Industrie-Ziegelsteinen. Es dämmert und so richtig wohl fühle ich mich nicht.
Auch Puno nicht wirklich herzerwärmend. Bei unserer Ankunft regnet es noch immer und ich stapfe verschnupft, fröstelnd zu meinem Hotel. Der Gastgeber ist sehr nett und freundlich, das Zimmer in Ordnung, doch wieder kann ich nicht fassen, wie schlecht die Häuser isoliert sind und dass es keine regulären Heizungen gibt. Das kleine Fenster im Bad lässt sich nicht richtig schließen und auch nahe dem Bett zieht es ordentlich. Schnappe mir den kleinen elektrischen Heizkörper und drehe ihn auf volle Leistung. Es ist zwar erst sieben Uhr abends, aber ich habe nur auf eines Lust: ins Bett zu gehen, mich dick angezogen unter die schweren Decken zu verkriechen und auf den nächsten Tag zu hoffen.

 

 

 

 

 

Samstag, 9. Juni 2018 - Arequipa, Peru
 

Habe Zeit. Die Tour durch den Colca Canyon, die ich eigentlich heute starten will, ist nicht verfügbar. Also bleibe ich einen weiteren Tag hier in Arequipa, dieser zauberhaften Stadt, in der es aber nicht allzuviel zu tun/zu bestaunen gibt.
 

Gestern abend klassisches Konzert in einer Kirche. Der Eintritt ist frei und die Kirche gut gefüllt. Das Sinfonie-Orchester von Arequipa spielt Beethoven, Manuel de Falla und die Ouvertüre vom Babier von Sevilla. Von ersterem die zweite Sinfonie, die ich - soweit ich weiß - noch nie gehört habe. Von Manuel de Falla "El amor brujo", ein modernes Stück, liedhaft, eigentlich ein Ballett, wie ich hinterher auf Wikipedia feststelle. Die Musik toll, die Atmosphäre in der Kirche wundervoll und doch kann ich mich nicht so recht konzentrieren. Der Bildungsspießer in mir tritt auf und amüsiert sich über das Verhalten der Peruaner. Als gäbe es universale Regeln, wie man sich in Konzerten verhalten müsse. Ungeschriebene, unartikulierte Regeln natürlich, sonst könnten wir uns nicht so herrlich über andere erheben.
 

So etwa, dass man zwischen den Sätzen einer Sinfonie nicht Beifall klatscht, dass man (auch als Teenager) nicht aufsteht, nach vorn geht und das Konzert mit dem Telefon filmt. Dass man eigentlich auch nicht im Konzert telefoniert, wie es eine Dame schräg vor mir tut. Nun, darauf zumindest reagieren auch viele Peruaner ungläubig.
 

Zwischen den Sätzen geht immer wieder die Tür der Kirche auf und weitere Menschen kommen dazu, setzen sich hinter, vor und neben mich. So wie die Dame, die mit ihrer Tochter Platz nimmt und in der Folge nicht still wird sitzen können. So wie auch ihre Tochter nicht, die unablässig mit ihrem Handy spielt und stets dazwischen quatscht. Das ist das eigentlich Wunderbare an der klassischen Musik: sie ist so effektlos (in modernen Maßstäben gemessen), erfordert so viel Konzentration, langweilt so schnell, dass sie uns vor Augen führt, wie abgestumpft, wie wenig aufmerksam, wie schwer zu beeindrucken wir geworden sind.
 

Der Montag dieser Woche nach meiner Ankunft in Puno kein Vergnügen. Habe mich tatsächlich erkältet und mein Gang durch die trostlose Stadt lässt meine Laune beharrlich sinken. Gehe zu einem Anbieter von Touren auf den Titicacasee, buche eine zweitägige Tour, gehe in ein Café (in dem ich ununterbrochen friere) und mache sonst so gut wie nichts, da auch das Wetter furchtbar ist. Ein Streichtag.

 

 

 

 

 

 

später im Kloster Santa Catalina, Arequipa, Peru
 

Was für ein ruhiger, beruhigender Ort. Gewaltige Ausmaße, Klosterstraßen in den Farben blau, rot und weiß. Sehr inspirierend. Etwa bezüglich der Frage, was Menschen dazu bringt, sich vollständig zurückziehen. Oder der, ob nicht die absolute Hingabe an Gott, die Opferung der eigenen Persönlichkeit am Ende nicht auch nur pure Selbstsucht ist. Indem man sich komplett verneint, macht man sich wichtig, erhebt man sich?
 

Doch zurück zum Reisetext. Der Dienstag nach dem Streichmontag ist wieder der Erwähnung wert. Die Sonne scheint und ich mache die Tour raus auf den Titicacasee. Enthalten ist der Besuch der schwimmenden Inseln Uros (interessant, aber viel zu touristisch), sowie der tatsächlichen Inseln Amantani und Taquile. Auf Amantani bleiben wir am Abend.
 

Ich werde Norma zugeteilt, einer in Tracht gekleideten Indiofrau. Mein Zimmerpartner wird Tom, zweiundzwanzig und mal wieder aus London, dazu in Oxford studiert, gerade fertig und mit einem Job bei PWC in Aussicht. Und auch David und Nicole werden bei Norma übernachten, ein neuseeländisches Paar Ende zwanzig, das mehrere Jahre in London gelebt hat und nun "auf dem Weg nach Hause" ist. Sie lassen sich Zeit für diesen Weg, mehrere Monate.
 

Die drei sind sehr sympathisch und wir haben viel Spaß. Norma serviert uns Mittagessen, bestehend aus einer Quinoa-Kartoffel-Suppe sowie Reis, Kartoffeln und einem Halloumi-ähnlichen Käse. Kohlenhydrate satt. Gut so, denke ich, dann werde ich nachts hoffentlich etwas zum Verbrennen haben und nicht frieren.
Das Haus, unsere Zimmer, die Küche sind denkbar einfach. Es gibt weder fließendes Wasser, noch Heizungen und nur wenig Licht. Gekocht wird auf dem offenen Feuer, was am Abend dazu führt, dass wir uns wie Fische in der Räucherkammer vorkommen. Und doch, mal wieder ist das einfache Leben anziehend und das vor allem aus einem Grund: es ist wundervoll ruhig. Keine Fahrzeuge, kein elektrisches Gerät, kein Empfang. 

 

Die Ruhe ist es auch, die mich am frühen Abend am meisten beeindruckt, als wir auf den Tempelberg Pachapapa steigen. Höre nur mein eigenes Schnaufen auf über viertausend Meter und die wenigen Preisungen peruanischer Frauen, die ihre warmen Sachen and die Touristen bringen wollen. Oben angekommen, entdecke ich, dass der Titicacasee doch wunderschön ist und nicht so langweilig, wie er sich von Puno aus darstellt. Rundherum ragen die unfassbaren Berge mit ihren gewaltigen Gletschern auf. In der Ferne zwar, doch trotzdem beeindruckend. Nirgendwo am Ufer ist eine Siedlung zu sehen, kein Schiff fährt auf dem glatten See und ich Richtung Bolivien ist kein Ende des großen Wassers in Sicht. Der Legende nach ist das Inkareich hier entstanden und ich spüre warum.

 

 

 

 

 

Mittwoch, 13. Juni 2018 - Huachachina, Peru
 

Müde und erschöpft. Viel unterwegs in den vergangenen Tagen, zwischen höchsten Pässen und der Pazifikküste. Sehr oft früh aufgestanden, was in diesen Fällen zum Teil weit vor sechs Uhr meint. Hin und wieder etwas Alkohol, was dem Schlaf nicht zuträglich ist. Und schließlich das ständige Pendeln zwischen extremen Höhen und sauerstoffreicher Umgebung, zwischen Kälte gegen null und Wärme.
 

Peru in seinen Extremen also durchaus anstrengend und dabei habe ich weder eine Trekking-Tour noch ein Schamanen-Ritual hinter mir, auch wenn ich von beidem viele Geschichten höre. So anstrengend dieses Land ist, so magisch ist es andererseits. Voller Geheimnisse, Legenden, die für einen durchschnittlich sprachbegabten Europäer mit wenig Zeit kaum zu entschlüsseln sind. Habe gerade den bedrückenden Roman von Mario Vargas Llosa ausgelesen. Dort fällt der Satz: "Für Leute, die aus klaren, transparenten Ländern (...) kommen, ist nichts attraktiver als das Unentzifferbare." Wahrscheinlich trifft es das. Und gilt nicht nur für Peru, sondern für den ganzen Kontinent.
 

Dass die Natur, insbesondere das Gebirge, den Peruanern heilig ist, wundert nicht. Buche am Freitag eine Tour von Arequipa in den Colca Canyon und auf der Fahrt dorthin offenbart sich die wundervolle, extreme Natur Perus einmal mehr. Die Straße führt unablässig hinauf, Kurve folgt auf Kurve und vorbei an den mächtigen, schneebedeckten Vulkanen geht es zurück ins Altiplano, einer Landschaft zwischen bedrückender Einöde und magischer Faszination.
 

Die Tour ist eine der besten der gesamten Reise. Das hat zwei Gründe: Salomé, unser Tourguide, ist außergewöhnlich und die Reisegruppe ist es nicht minder. Am Ende wird es sich anfühlen, als hätten wir mehr als nur zwei Tage miteinander verbracht und als würden wir uns länger kennen, als dies tatsächlich der Fall ist. Beim Abschied vorgestern fallen sich alle in die Arme und kaum jemand ist nicht zumindest ein wenig betrübt.
 

Am ersten Tag kommt es zu einem Zwischenfall, der uns alle für Minuten verstummen lassen wird. Wir fahren durch das Altiplano und sehen immer wieder kleine Gruppen von Vicunjas, diesen kleinen, wilden Verwandten von Lama und Alpaka. Salomé erzählt, wie sehr die Tiere verehrt werden und dass sie in diesem Teil Perus unter Schutz stehen. Die Wolle der Vicunjas gehört zu den begehrtesten überhaupt. Wenige hundert Gramm kosten mehr als hundert Dollar und interessanterweise dürfen die wilden Vicunjas einmal im Jahr geschoren werden. Doch wie werden sie gefangen? Durch riesige, menschliche Netze. Mehrere hundert Menschen fassen sich an den Händen, bilden einen menschlichen Ring und versuchen, die Vicunjas einzukesseln.
 

Als wir in Richtung des höchsten Punktes unserer Tour fahren (4.900m!!!), erläutert Salomé die Unterschiede zwischen Lamas und Alpakas, zeigt ein paar Fotos, als plötzlich einige unserer Reisegruppe die Stimme erheben und leicht aufschreien. Ein paar Vicunjas springen vor den Kleinbus und dann geht alles viel zu schnell: Mitchi, unser Fahrer, kann dem Muttertier noch ausweichen. Doch das Junge, das der Mutter über die Straße folgen will, hat keine Chance. Wir treffen es frontal und ich spüre wie der Körper vom Bus überrollt wird. Mitchi hält augenblicklich an und alle sind gelähmt. Nach wenigen Sekunden ist klar: das Junge ist tot.
 

Der Höhepunkt der Tour am zweiten Tag. Wir stehen sehr früh auf, um mit dem Mountainbike durch den Colca Canyon zu fahren. Mit dem Bus geht es ein Stück bis zum Condor Cross, einem Punkt in diesem gewaltigen Tal an dem besonders viele Kondore leben. Zwar zeigt sich gegen sieben Uhr noch keiner der riesigen Vögel, doch als wir aufs Rad steigen und ein wenig mehr ins Tal hinein fahren, ändert sich das. Wir halten an einem Aussichtspunkt, hunderte Meter unter uns der Fluss und mit einem Mal erscheinen sie. Erst einer, dann noch einer. Ruhig, riesig, gewaltig gleiten sie zwischen den Bergen durch die Luft, lautlos steigen sie mit der Thermik immer höher, verschwinden hinter den Gipfeln und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Alle sind begeistert-euphorisch und folgen mit verzaubertem Blick den eleganten Vögeln, diesen Legenden der Anden. Da ist sie wieder: die Magie, die Außergewöhnlichkeit, die selten aber beharrich auf meiner Reise durchscheint. Ärger und Leid scheinen fern und unmöglich beim Anblick der Berge, der tiefen Schlucht und der schwebenden Kondore.

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 14. Juni 2018 - Paracas, Peru
 

Das sind nicht die Bekenntnisse eines Säufers. Aber: allein der Pisco ist es wert, nach Peru zu reisen. Einer ist traumhaft, nach dem Genuss des zweiten wird einem eigentümlich warm ums Herz. In meinem Fall: ich könnte die Welt umarmen, wenn ich nur könnte.

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