Was die Sonne schafft an einem Tag - IX

June 7, 2018

 

 

"Entwirf deinen Reiseplan im grossen – und lass dich im einzelnen von der bunten Stunde treiben.

Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an."

 

Kurt Tucholsky

 

Freitag, 11. Mai 2018 - Buenos Aires, Argentinien
 

Stehe völlig neben mir. Es stellt sich heraus, dass dieser Sprung durch die Zeit, von Neuseeland nach Südamerika, meinem Biorhythmus nicht zuträglich ist. Dabei habe ich mich wie ein Teenager gefreut, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und in die Vergangenheit zu reisen. Denn: Start in Auckland war um 20 Uhr, Landung in Buenos Aires um 16 Uhr - gleicher Tag!
 

Und obwohl ich es gestern noch schaffe, den Tagesrhythmus einigermaßen aufrecht zu erhalten, wird es diese Nacht völlig wild. Vor 2 Uhr verspüre ich keinerlei Bedürfnis nach Schlaf, dann wache ich um 4 Uhr wieder auf, plane die weitere Reise bis 6 Uhr, nicke dann noch einmal ein und wache um 14.30 Uhr (!) wieder auf, nicht wirklich erholt.


Habe also von Buenos Aires noch nicht viel gesehen. Am Mittwoch abend bummele ich etwas, wie auch gestern, noch ohne rechte Muße. Das Wetter gestern furchtbar, es schüttet den ganzen Tag. So sehr, dass ich sogar auf dem kurzen Gang von meinem Zimmer zum Bad, quer über den Hof, nass werde. Nun ja, besser jetzt als an einem Tag, an dem ich mich fit fühle.

 

 

 

 

 

 


Samstag, 12. Mai 2018 - Buenos Aires, Argentinien


Immer noch nicht fit. Drei, vier Stunden geschlafen, zwischen 6 Uhr heute morgen und 10.30 Uhr. Furchtbarer Jetlag!


Eine Sache kann ich nicht mehr hören/lesen/ertragen: Wenn Reiseführer davon schwärmen, wie sehr das Nachtleben in Stadt ABC und XYZ brummt. "Die Stadt, die niemals schläft", heißt das dann meist und stimmt doch nie. Wie so manches Klischee.


Vom Freitagabend zumindest bin ich etwas enttäuscht. Und auch hier wieder: die verdammten Erwartungen! Die Bilder, die man im Kopf hat. Die Vorstellungen von einer Stadt, bevor man sie zum ersten Mal tatsächlich besucht. Hätte ich das gestrige Nachtleben in Rostock, Bielefeld, Mannheim vorgefunden, ich würde mich nicht beschweren. Aber hey! Das hier ist Buenos Aires. Wo sind die zahlreichen Tangoclubs? Wo dröhnt die Musik auf allen Töpfen? Wo wird getanzt, gefeiert, Musik gespielt?


In San Telmo finde ich davon am gestrigen Abend nicht viel. Streife so ziemlich jeden Straßenanzug entlang und ja, ich stoße auf einladende Restaurants und Bars. Genehmige mir ein, zwei Bier und kann ein Klischee dann doch bestätigen: es geht sehr spät los in Buenos Aires. Wer vor zehn Uhr essen geht, muss ein Tourist sein.


Um die Ecke das Pub Gibraltar mit kuscheliger Atmosphäre. Männerüberschuß zwar, dafür ein Billardtisch. An der Wand eine Tafel. Jeder, der kommt und spielen will, schreibt seinen Namen darauf. Die Regeln sind klar umrissen: wer ein Spiel gewinnt, darf am Tisch bleiben und bekommt den nächsten Gegner von der Tafel. Leider zu müde und (noch) nicht mutig genug.


Mir steht eher der Sinn nach Live-Musik. Nach etwas Recherche finde ich auch etwas, nicht sehr weit zu Fuß entfernt. Die Show ist für zweiundzwanzig Uhr ausgeschrieben. Ahnend, was das bedeutet, komme ich um halb zwölf und wundere mich, dass das Publikum alt ist und die Musik nicht dem enstpricht, was ich erwarte. Eher tragische Folkmusik als Reggae-Rock. Bleibe am Eingang stehen und lausche den Liedern, die sich mutmaßlich um die große Liebe (erfüllt/unerfüllt), die süße Last des Lebens, den Tod drehen. Das Publikum ist begeistert, je mehr sich die Aufführung dem Ende zuneigt. Neben mir erscheinen plötzlich andere Musiker, jünger, cooler und mir wird klar: die Band, die ich sehen wollte, kommt erst noch.


Es ist halb zwei als sie dann auftreten und vergebens warte ich auf mehr Publikum als die zwanzig, dreißig Gäste, die artig an ihren Tischen sitzen-  die eine Hälfte unaufmerksam-betrunken, die andere im Halbschlaf - und die dem eigentümlichen Mix aus Hardrock, Reggae und Latino-Klängen beiwohnen.
Zum Glück habe ich den Wifi-Code geknackt: 12345. Und das belgische Bier hilft auch ein wenig, erst Recht da es nur in Oktoberfest-legitimen Flaschen verkauft - 950 ml! Gehe also amusiert-enttäuscht nach Hause, nicke gegen drei Uhr ein - und bin um vier Uhr wieder wach.

 

 

 

 

 

 


Montag, 28. Mai 2018 - Flughafen Buenos Aires, Argentinien


Die letzten Tage wie eine große Welle, ein Loch in der Zeit. Wenig geschrieben, noch weniger fotografiert.

 

Was also ist Buenos Aires?


Buenos Aires ist ...


... auf den ersten Blick keine Schönheit. Habe das aber auch nicht erwartet. Die Stadt ist riesig und wie in den USA in Blöcken organisiert. Die langen, breiten, lauten Avenidas ziehen sich kilometerlang durch die Stadt. In den weniger markanten Vierteln gleichen sich die Straßenkreuzungen wie ein Ei dem anderen und ich habe immer wieder erhebliche Orientierungsprobleme. Gestern war links doch noch rechts, oder nicht?


... sofern man es besser kennenlernt, überraschend abwechslungsreich. Zwischen den alten Vierteln, den schicken, den grünen und den armen liegen Welten.


... café con leche, jamon y queso an jeder Ecke.


... Mate am Sonntag nachmittag in La Boca. Zwischen flanierenden Touristen, Graffitis und Skulpturen von Maradona, Evita und Franziskus.


... Tango in San Telmo auf der Plaza Dorrego bis in den späten Sonntag abend. Alt neben jung, Ballkleid neben Schlabbershirt (oder auch mit), Amateur neben Profi. Besonders rührend der Tanz eines jungen Mannes mit einer Rollstuhlfahrerin. Er fasst sie an den Händen und zieht sie im Takt immer wieder zu sich heran.

 

 

 

 

 

 


... schwitzende Enge im röhrenden Bus. Man sollte sich in den hinteren Teil durchkämpfen, um etwas atmen zu können. Sich festzuhalten keine Tugend, sondern pure Notwendigkeit. Bei jeder Bremsung fühlt man sein ganzes Körpergewicht auf dem Arm. Kleine, große Hürde für den Fremden: du musst dem Busfahrer die Straßenecke nennen, an der du aussteigen willst, damit er den Fahrpreis bestimmen kann.
 

... halbstündiges Warten auf einen Tisch in der Pizzeria Güerrin auf der Avendia Corrientes. Am Samstag abend, zwischen zehn und elf Uhr. Es ist voll wie in einem Club, die Menschen warten dicht gedrängt auf der Treppe und vor den Toiletten. Dein Name wird notiert, die Anzahl der Personen - und nach geduldigen Minuten führt man dich zum Tisch. Es ist laut wie in einem bayrischen Festzelt und die Pizzen sind riesig und machen satt. So argentinisch.
 

... leidenschaftlicher Streit, lautstarker Protest, Wut auf die Regierung, die Etablierten. Kein Tag ohne Demonstration und einer ohne U-Bahn.
 

... knüppelhart für die Migranten aus Peru, Bolivien und vor allem Venezuela. Die in den Restaurants arbeiten, ohne Verträge, ohne Ansprüche. Wohnen/leben wie in Europa? In einem Traum vielleicht.
 

... die Müdigkeit in den Gesichtern auf den Straßen der Arbeiterviertel.
 

... die Suche nach dem Grab von Evita auf dem Friedhof in Recoleta. Inklusive Selfie für die Pietätlosen.
 

... ein Lied auf den Lippen eines jungen Mädchens, eines Taxifahrers, einer älteren Dame. Textsicherheit wohin man hört.
 

 

 

 

 

 

 

... Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus. La Bomba del Tiempo. Woche für Woche am Montag abend. Immer voll seit fast zwölf Jahren.
 

... Streetart der Extraklasse. Nirgendwo besser, zahlreicher, bunter, kreativer. Schlichtweg beeindruckend.  
 

... Frühstück im Kaffeehaus, gefolgt von Café solo, von Lunch, von Eiscreme (dulce de leche, chocolate, gefolgt von cerveza patagonia, gefolgt von einem Steak in einer parilla.
 

... das unfassbare Palermo mit seinen Bars, Restaurants, Cafés, Boutiquen, kreativen Läden. Ein Viertel zwischen den Welten: europäisch, amerikanisch, beinahe karibisch. Unleistbar für die Meisten, ein Genuss für diejenigen mit Geld.
 

 

 

 

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