Was die Sonne schafft an einem Tag - VIII

May 7, 2018

 

“Dieses Land, welches man bisher als einen Teil des vermuteten südlichen Kontinents ansah, besteht aus zwei großen Inseln, welche durch eine Straße von 12 oder 15 Meilen Breite getrennt sind.”

James Cook, 31. März 1770

 

Dienstag, 1. Mai 2018 - auf der Fähre von Wellington nach Picton, Neuseeland

 

Ein Land, einen Kontinent zum ersten Mal zu betreten, hat etwas Zauberhaftes. Amerika, Südamerika, Asien oder eben auch: das Ende der Welt - Neuseeland. Ein Land, so aufgeladen mit Träumen und Vorstellungen, wie es nur möglich ist, wenn es eben auf der anderen Seite der Erde liegt, nicht mit Easyjet erreichbar ist.

 

Fahre mit der Fähre aus der Bucht, in der Wellington liegt, die Sonne kommt heraus. Ich habe (fast) alles an, was mir an warmen Sachen zur Verfügung steht. Es zieht, ich habe kalte Füße, der Kaffee ist mal wieder zu dünn.

 

Schaue dennoch zufrieden aus dem Fenster und freue mich auf ein paar Tage auf der Südinsel. War bis gestern Abend noch unentschlossen, ob ich diesen Schlenker machen soll - er wird viele Stunden im Auto bedeuten. Doch die begeisterten Berichte meiner Reisebekanntschaften im Hostel haben die Waage nach Süden kippen lassen. Und: die australische Erfahrung steckt mir noch in den Knochen. Lieber Stress als einförmige Tage. Lieber kaum zu verarbeitende Eindrücke als Langeweile.

 

Keine Einreise war bisher derart streng wie die nach Neuseeland. Wahrscheinlich werde ich von Tag zu Tag verdächtiger: Haare und Bart immer länger, allein reisend natürlich, männlich, in diversen Ländern gewesen. Was ich in Vietnam, Hongkong, Australien gemacht habe, werde ich gefragt. Wie denn meine Pläne in Neuseeland aussehen? Eiere etwas herum, da diese eben noch nicht konkret sind. Ein wenig Schweiß tritt auf meine Stirn. Wo ich denn übernachte? Was ich in Auckland machen will? Wo es danach hingeht? Auf die Südinsel? Schön, und wohin genau? Wandern? Wo denn? Und so weiter …

 

“Das waren ja eine Menge Fragen”, kommentiert eine mitfühlende Australierin danach mein Verhör. Aber das ist nicht alles: ich muss noch durch das Bio-Screening. Man hat hier offensichtlich panische Angst, dass Pflanzen, Tiere, Organismen eingeschleppt werden. Ob ich ein Zelt dabei habe, wer ich wiederum gefragt. Ob ich wandern war, was mit den Schuhen ist? Verneine alles und muss meinen Rucksack dennoch durchleuchten lassen. Die letzte Frage, die mir gestellt wird, bevor ich endlich ins Land darf: “Kann es sein, dass Sie Tiger-Balsam dabei haben?” Habe ich tatsächlich, tief vergraben im Rucksack. Erstaunlich.

 

 

 

 

 

 

Die verbliebenen Tage in Australien ruhig, vergnüglich, entspannt. Einen Tag auf Phillip Island, zwei weitere in Melbourne. Nehme auf Phillip Island alles mit, was an touristischen Attraktionen aufgeboten wird. Allen voran: das Koala-Rettungszentrum und die Pinguin-Parade. Letztere heißt tatsächlich offiziell so. Man hat dafür am Strand ein Amphitheater errichtet, das mehrere hundert Besucher fasst und nur einen Zweck hat: die Zwergpinguine dabei zu beobachten, wie sie Abend für Abend nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Meer kommen, über den Strand watscheln und in ihre Nester in den Dünen gelangen. Sitze anderthalb Stunden im Wind (man kommt früh, sofern man etwas sehen will!), friere mir den Arsch ab, amüsiere mich über Bühnenbild und Komparsen und freue mich dann wirklich, als die ersten Pinguine ängstlich aus den Wellen auftauchen und vorsichtig, geduckt, wachsam in Richtung ihrer Unterkunft rennen. Die Menschen ringen unruhig um Sicht, die Kinder staunen und juchzen, alle sind entzückt. Der Mensch ist das seltsamste aller Wesen: wir schlachten Millionen von Hühnchen ohne jede Regung, wenn aber das Hühnchen gut schwimmen kann, lustig geht und im Allgemeinen recht süß ist, dann nehmen wir Mühen auf uns, geben viel Geld aus, um sie: - zu sehen.

 

Melbourne sehr interessant. Habe ich schon einmal eine derart kreative, an Kunst und Kultur orientierte Stadt gesehen? New Orleans vielleicht. Die Hipster-Dichte ist unfassbar. Laufe am Samstag nachmittag durch das herrliche Fitzroy und denke aller paar Meter: “Wow! Das ist ein Look!” Wie schon in Sydney ist es überraschend und atmosphärisch wunderbar, wie flach die Häuser in den alten Vierteln sind, wie breit die Straßen. Dort ein kleines Reihenhaus, mit Vorgarten und Frontporch: könnte ich mir vorstellen.

 

Und doch bin ich in Melbourne seltsam lustlos. Versuche, den Reisealltag zu brechen, nicht immer zum Beispiel gleich nach dem Frühstück auf Entdeckung zu gehen. Auch einmal nichts zu machen, Dinge auszulassen. So gehe ich am Sonntag nur für drei, vier Stunden vor die Tür. Schlafe lange, frühstücke ausgiebig und mache dann etwas, was ich noch nie gemacht habe: ich gehe nackt in die Stadt. Ohne Tagebuch, Kamera, Lesestoff. Und vor allem: ohne Telefon. Zimmerschlüssel, Kreditkarte - mehr brauche ich nicht. Das hat dann auch den gewünschten Effekt. Sofern ich irgendwo sitze, schaue ich nur, beobachte, denke etwas oder auch nichts. Streife durch die sehenswerte, inspirierende National Gallery of Victoria und danach am Wasser entlang. Das war’s. Genug.

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 2. Mai 2018 - Nelson, Neuseeland

 

James Cook ist tot. Vorhin gestorben bei einem Blaubeer-Muffin. Am Strand in der Nähe des Abel Tasman Nationalparks. So ermüdend die Logbücher in ihren endlosen Beschreibungen von Südseeinseln, deren Flora und Fauna auch sind. So wenig mich die Unterschiede zwischen den Kanus der Eingeborenen interessieren, so sehr bin ich noch immer fasziniert von Cooks Reisen im Allgemeinen. Diese sind nicht einmal 250 Jahre her und wer sich nur kurz vor Augen führt, was Cook und seine Mannschaft damals nicht hatten, kann eigentlich nur ehrfürchtig staunen.

 

Cook hat Neuseeland nicht entdeckt. Das war Abel Tasman, der sich wegen der furchteinflößenden Maori jedoch nicht an Land traute. Doch Cook hat Neuseeland umrundet, bewiesen, dass es sich um zwei große Inseln handelt. Er hat sie kartografiert, beschrieben und damit die Voraussetzungen für die Besiedelung geschaffen.

 

Hätte er sich vorstellen können, dass heute hunderte quietschgrüne Campervans von Jucy durch Neuseeland juckeln, mit vergnügten Zwanzigjährigen am Steuer (vornehmlich deutsch sprechend), die ihre Jugend nutzen, um dieses schöne Land zu entdecken? Wohl eher nicht.

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 3. Mai 2018 - Berlin, Neuseeland

 

Wer hätte das gedacht? Ich erreiche den am weitesten entfernten Punkt meiner Reise a) genau zur Halbzeit und stelle b) erstaunt fest, dass er "Berlin" genannt wird. Dieses Berlin hier ist zwar nur so groß wie der S-Bahnhof Landsberger Allee. Doch ist es mir im Augenblick sehr sympathisch, erinnert es mich doch an zu Hause. Schmunzle kurz über den Berliner Bären auf einer der Fahnen im Café und versuche, mir jede Bemerkung a lá: "Ich bin aus dem echten Berlin! Warst du schon mal dort?" zu verkneifen.

 

Am vormittag bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch an Gott glaube - oder glauben sollte. Stehe sehr früh auf, um im Nelson Lakes Nationalpark zu wandern. Hoffe am Abend zuvor auf gutes Wetter, doch heute morgen ist dieses nicht nur gut - es ist traumhaft. Kaiserwetter, wie man das in den Alpen nennt. Die Luft ist ruhig, es weht kein Wind; die Herbstsonne wärmt, ohne zu verbrennen. Je höher ich auf den Mt Robert steige, umso umwerfender wird die Aussicht. In der Ferne kann ich das Meer sehen, rundherum ragen die Berge empor, mit schneeweißen Wolken dekoriert. Unter mir liegt der See, glatt wie ein Spiegel. Und es ist still, so wunderbar still.

 

Mache auf einer der einfachen Hütten eine Pause, genieße bei Müsliriegel und Banane die Ruhe und Aussicht. Muss mal wieder an das Schild denken, welches ich auf meiner Alpenradtour mit Alex vor vielen Jahren in Chamonix gesehen habe. Darauf stand: "Im Angesicht des Mt Blanc :- Wer bist du?".

 

am Abend in Punakaiki, Neuseeland

 

Ein perfekter Tag. Bin euphorisiert, Endorphine jagen durch meinen Körper und ich staune über dieses Land, das so schön ist und sein Antlitz zwischen zwei Kurven so oft ändert.

 

 

 

 

 

 

Samstag, 5. Mai 2018 - Picton, Neuseeland

 

Genau so habe ich mir den Samstagabend in einem Fährhafen immer vorgestellt. Im Mai, der ein November ist. Bonjour tristesse.

 

Um in das bißchen Stadt zu kommen, welches Picton genannt wird, muss ich durch ein kleines Industriegebiet am Hafen. Zwischen Lagerhallen, betonierten Flächen und abgestellten LKWs bellen ein paar versprengte Hunde. Der Regen fällt heute abend nicht, er sprüht sich heran, wie aus einer dieser Flaschen, die die Friseure verwenden. Ich ziehe mir die Kapuze weit ins Gesicht, vergrabe die Hände tief in den Taschen und stapfe forschen Schrittes zur High Street auf der Suche nach Nahrung. Die meisten Geschäfte sind schon längst zu. Ein Pub hat noch auf, trostlose Gestalten stehen an der Theke. Gegenüber ein Fish-&-Chips-Imbiss, eingerahmt von einem Subway und einem billigen Thai-Restaurant. Dazwischen die unpersönlichen Motels und ein verschreckendes Hostel mit dem schauerlichen Namen “Atlantis”. Bunte Reklame blinkt, wohin ich schaue. Kein Mensch ist auf der Straße, die hohen Laternen leuchtgruseln vor sich hin.

 

Aber meine Laune ist fantastisch. Auf dem Rückweg ins Hostel erzähle ich mir Witze und lache mich kaputt - erst über den Witz, dann über mich. Alleinsein macht schrullig.

 

Die gute Stimmung und meine Souveränität angesichts der Pictonschen Trostlosigkeit wurzeln natürlich in den vergangenen Tagen. Besser hätte es nicht laufen können. Hier macht ein Roadtrip wirklich Spaß. Gestern eine umwerfende Etappe von der West- zur Ostküste über den Arthurs Pass. Die Landschaft wechselt dabei so schnell, dass ich kaum folgen kann und mein Mund immer wieder offen steht.

 

Heute dann die Ostküste hinauf bis eben nach Picton. Bin am Morgen ohne Erwartungen, vermute ich doch alles Spektakuläre an der Westküste. Wie ungerecht! Auch heute ist wieder alles dabei: brandenburgische Ebenen, amerikanische Prärien, walisische Hügelketten, kalifornische Küsten und Weinberge.

 

 

 

 

 

Montag, 7. Mai 2018 - Whanganui, Neuseeland

 

Zeit für einen Haarschnitt. Kann meine langen Fusseln nicht mehr sehen; mein Bart kann auch eine Kürzung gebrauchen. Im schicken Retro-Barbershop ist es jedoch sehr voll. Die beiden Barbiere lassen sich viel Zeit, gehen immer wieder prüfend um ihre Kunden herum, machen mal hier einen kleinen Schnitt, rücken mal dort ein Härchen zurecht. Mir dauert das zu lang. Rechne kurz durch, wie lange ich wohl warten muss. Sechs andere Herren kommen noch vor mir zu ihrem Recht.

 

Also gehe ich die Straße hoch, zu einem, sagen wir: einfacherem Barbier. Die Einrichtung ist vor allem praktisch, alle Möbel sind in lackiertem Rot gehalten. Und die Haare auf dem Boden könnten mal wieder zusammengekehrt werden. Auch hier bin ich nicht der Einzige, aber egal. Ich ziehe das jetzt durch.

 

Die Masse kommt offensichtlich vor der Klasse. Einer der drei Barbiere schreitet zügig durch den Raum und donnert ungeduldig die Frage zwischen die Wartenden: “Who’s next?” Die Atmosphäre ist ähnlich herzlich wie beim Urologen: lasst uns nicht lange labern, ran ans Werk! Ein junger Maori erhebt sich und mit ihm eine ähnlich verwachsene Wolle wie die auf meinem Kopf. Der mächtige Barbier klopft getrieben seine Wünsche ab (ich kann nicht alles hören) und beginnt, die Seiten zu trimmen. Erst jetzt stelle ich fest, dass hier nur getrimmt und nicht geschnitten wird. Das Surren der kleinen Maschinchen erfüllt den Raum.

 

Spiele für einen Moment mit meinem Telefon und als ich wieder aufschaue, blickt mein Herz in einen Abgrund. Der Barbier hat die scharfen Waffen hervorgeholt und rasiert in kräftigen Zügen die gesamte Wolle vom Kopf des Maori; übrig bleiben wenige Millimeter. Sollte jetzt noch einer “Mäh!” machen, gehe ich.

 

Danach werde ich bedient. Auch vom turmhohen, tätowierten Barbier mit dem langen Bart und den kräftigen Armen. Was ich wünsche? Nun, einen Haarschnitt zuvorderst und eine Barttrimmung danach. Wie ich meine Haare trage? Das ist eine gute Frage, mit der ich seit dreißig Jahren ringe. Er wird ungeduldig. “Etwas kürzer, bitte”, sage ich, “der letzte Schnitt ist zehn Wochen her.” Vielleicht gibt ihm das etwas Orientierung. Bei Jule daheim in Berlin muss ich nichts erklären. Und der Bart? “Auch einfach etwas kürzer.” Er schaut mich über den Spiegel fassungslos an und ich sehe in seinem Kopf die Frage reifen, ob ich mehr sagen kann, als …

 

--- Eine liebenswürdige, alte Dame unterbricht mich, um mir zu sagen, wie schön sie es findet, mich beim Schreiben zu beobachten. Fühle mich augenblicklich geschmeichelt. ---

 

… “just a little bit.”

 

Doch das Ergebnis ist ganz in Ordnung, mir bleiben ein paar Haare und wir schaffen es sogar, ein kleines Gespräch zu führen. Und ja, er kann lächeln und ich etwas mehr sagen als jenen indifferenten Halbsatz.

 

 

 

 

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