Was die Sonne schafft an einem Tag - VII

April 26, 2018

 

“Dass man wird, was man ist, setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist.” 

 

Friedrich Nietzsche - Ecce homo 

 

Montag, 16. April 2018 - Sydney, Australien

 

Gemischte, wild durcheinander gewirbelte Gefühle gestern. Besserung, Beruhigung heute.

 

Lande gestern morgen in Sydney und bin so früh in der Stadt, dass die Rezeption des Hostels noch nicht einmal geöffnet hat. Als sie dann öffnet, lasse ich meinen Rucksack dort und fahre zum Hafen. Die Müdigkeit - Nachtflug ohne Schlaf! - macht mir zu schaffen, es ist zudem relativ kühl und sehr windig. Wie in jeder Stadt am Sonntag morgen wirken die Straßen des Geschäftszentrums trostlos und verlassen.

 

Doch dann der Hafen, die Harbour Bridge, die Oper. Unfassbar: ich bin in Australien! Nehme eine der Fähren, um etwas auf dem Wasser zu sein, ohne Plan, wohin ich eigentlich will. Auf dem Oberdeck, beim Anblick der wunderbaren Stadt, bin ich mal wieder sehr bewegt und ja, auch glücklich.

 

Am Abend dann die umgekehrte Empfindung. Nehme nicht nur die Fähre von der anderen Seite des Hafens, meine Stimmung ist auch völlig gespiegelt. Bin sehr ernst, nachdenklich, traurig. Wieder feuchte Augen, aus anderen Gründen. Anflüge von Weltschmerz.

 

Reisen kann wie eine Droge wirken. Es betäubt. Es euphorisiert. Es führt durch tiefe nach hohen Phasen.

 

Mein Abend ist gerettet, als ich auf Evi aus Belgien treffe und wir bei einem Bier in Darling Harbour genau darüber reden. Sie ist völlig durcheinander, ohne Kraft, Mut und Sicherheit, was ihre nächsten Schritte betrifft. Seit sieben Monaten in Australien, steckt eigentlich ein Flugticket für die Heimkehr in ihrer Tasche - und zwar für übermorgen. Andererseits hat sie vor wenigen Stunden eine Zusage für einen Job auf einer Farm bekommen - was Bedingung ist für die Verlängerung ihres Working Holiday Visas. Nach Hause fliegen oder Job annehmen? Gehen oder Bleiben? Frage sie, was ihr wichtig ist, wovon sie ihre Entscheidung abhängig macht - vom guten Job in Belgien, vom Wetter hier, vom rausgeworfenen Geld für das Flugticket? Was bedeutet dir etwas, wann fühlst du dich am wohlsten? - “Wenn ich liebe”, antwortet sie.

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 17. April 2018 - Sydney, Australien

 

Nahezu schlaflose Nacht. Ungezähmt tanzen die Gedanken in meinem Kopf, was viel mehr der Grund für die Schlaflosigkeit ist, als der laut schnarchende Mitbewohner, den ich trotz meiner Ohrstöpsel hören kann. Das Denken, Nachdenken, Hinterherdenken dabei erstaunlich klar. Was schade ist, weil ich es nicht wiedergeben werden kann. Was zermürbend ist, weil es mich nicht schlafen lässt.

 

Gestern herrlicher Spaziergang von Bondi Beach nach Coogee, sechs Kilometer an der Küste entlang bei traumhaftem Wetter. Der Kopf frei, der Geist entspannt - wenn auch von zu engen Bikinis abgelenkt.

 

Mittwoch, 18. April 2018 - Sydney, Australien

 

Sydney ist tatsächlich eine traumhafte Stadt. Es gibt selbst für mich keinerlei Grund zur Nörgelei. Die Stadt ist perfekt, ohne dir ins Gesicht zu schreien: “Ich bin perfekt! Ich will es sein!” Sie ist es einfach.

 

Kann mich nicht erinnern, mich jemals in einer Großstadt so wohl, so entspannt gefühlt zu haben. Und das, obwohl ich notorisch unausgeschlafen bin und mich erst wieder an die kühleren Temperaturen gewöhnen muss. Im Grunde ist Sydney auch keine Großstadt, eher eine Kleinstadt mit gewaltigen Ausmaßen. Sieht man vom überschaubaren Geschäftszentrum mit den Hochhäusern ab, dominieren eher die kleinen, ruhigen Straßen mit ihren wunderbaren zweistöckigen Häusern, manchmal aus Holz, oft farbig und mit Veranda vor der Tür. Die Kleinstadt Sydney ist jedoch in keiner Weise langweilig, provinziell, verstaubt. Café reiht sich an Restaurant, reiht sich an Buchläden, an interessante Geschäfte.

 

 

 

 

 

 

Gestern ein absolutes Highlight. Entdecke schon am Sonntag ein öffentliches Schwimmbad nahe der Harbour Bridge, den North Sydney Olympic Pool. Gehe also hin, bezahle meinen Eintritt und bin schon vom Gebäude beeindruckt. Alles ist geräumig und altehrwürdig, an den Wänden Bestenlisten, in den Vitrinen Pokale und Medaillen. Als ich dann im Freiluftbecken schwimme, direkt neben der Brücke (!), und eine 50m-Bahn ganz für mich allein habe, fühle ich mich im Himmel. Kraule entspannt vor mich hin, staune über die Schwimmkompetenz und -geschwindigkeit der Aussies und kann es, sobald ich mal eine Pause mache und die Aussicht genieße, kaum fassen.

 

Wunderbares folgt auf Herrliches: am nachmittag Spaziergang durch den Hyde Park bis zur Art Gallery of NSW; ein, zwei großartige Stunden dort, dann weiter durch den imposanten botanischen Garten bis zur Oper. Erst als ich direkt vor dieser stehe, geht mir auf, was für ein exakt passendes Bauwerk das ist. Auch dem gleichgültigsten Besucher muss klar werden, wie sehr die einzelnen Elemente an Segel erinnern. An diesem Ort, mit dieser Geschichte - selten, dass alles so gut zusammen passt.

 

Perfekt.

 

 

 

 

 

Freitag, 20. April 2018 - Nowra, Australien

 

Herrlicher Morgen. Ich habe endlich mal wieder gut geschlafen, wenn auch früh wach. Lese beim Frühstück in den Logbüchern von James Cook. Schon immer ziehen mich die Entdeckergeschichten an und die vielen Referenzen an Cook in Sydney taten ihr Übriges. Großartig zum Beispiel die riesige, verchromte Skulptur von ihm in der Art Gallery. Den Kopf gesenkt, in Gedanken versunken, sitzt er dort, schaut durch die riesigen, bis zum Boden gehenden Fenster auf den Hafen Sydneys. Die Abwesenheit jeglicher Triumph-Pose ist mir sehr sympathisch und bleibt tagelang haften. Wahre Kunst.

 

Selber Tag - am Abend

 

Wenn ich denn mal früh aufstehe und den Tag richtig nutze, hat das in der Regel folgenden Effekt: ich bin zutiefst zufrieden.

 

Heute morgen 1,5 km schwimmen. Scheinbar jedes kleine Städtchen hier hat großartige Bäder. Das Wetter ist herrlich so früh am Morgen und ich habe zeitweise das komplette Becken für mich allein - acht verdammte 50m-Bahnen! Keine Wellen, klares Wasser, die Sonne, die zwitschernden Vögel. Traumhaft.

 

Fahre danach zur Jervis Bay, leihe mir ein Kayak. Starte am Meer und fahre zwei Stunden einen Fluss hinauf und dann mit der abnehmenden Flut wieder zurück. Wer mich glücklich sehen will, gebe mir ein Kayak - (oder ein paar Ski).

 

Je weiter ich den Fluss hinauf fahre, umso wilder, einsamer, schöner wird es. Die Wälder sind fantastisch, das Wasser klar. Hin und wieder ziehe ich das Paddel ein, lasse mich treiben und höre: nichts. Die monotone Bewegung beruhigt ungemein. Schon das Geräusch, wenn das Paddel in die Stille hinein ins Wasser sticht, lässt mein Herz hüpfen. Es gibt keine schöneren Naturerlebnisse als jene auf dem Kayak.

 

Der schöne Tag lindert meinen sonstigen Ärger erheblich. Denn: ich muss morgen nach Sydney zurückfahren. Der Mietwagen von Jucy hat ein kleines, aber gravierendes Problem. Ich kann das Licht nicht anschalten, da der Schalter gebrochen ist. Da es um diese Jahreszeit gegen 17 Uhr dunkel wird, ist das ein ziemliches Problem für mich - mal abgesehen von der Verkehrssicherheit im Allgemeinen.

 

Nach gefühlten Dutzenden Telefonaten und drei hoffnungslosen Werkstattbesuchen - jeweils mit der Blitzdiagnose “Nicht zu beheben” - glaubt man mir endlich und sichert mir zu, mir ein neues Auto zu geben. Und da Jucy ein Billiganbieter ist, muss ich es mir selbst holen - hin und zurück fünf Stunden Fahrt. Wenigstens hat man mir zugesagt, zwei Miettage und eine Tankfüllung zu erstatten.

 

Staune, wie wenig mich das aufregt, auch wenn ich am Telefon schon ziemlich pampig geworden bin (lustig in einer Fremdsprache!). Noch keine Woche bei den Aussies und schon “No worries” verinnerlicht.

 

 

 

 

 

 

Samstag, 21. April 2018 - Ulladulla, Australien

 

Halb zehn abends. Sitze in einem angenehmen Motel, mit der typischen, sehr praktischen Atmosphäre, die Unterkünfte wie diese auszeichnet.

 

Bin allein, seit Tagen, fühle mich aber nur selten so. Rede mit kaum jemanden und wenn, dann nur, um einen Kaffee zu bestellen oder im Motel einzuchecken. Die Gegend südlich von Sydney ist eben vor allem eine Urlaubsregion für Australier, für Familien, ältere Paare - also für jene, die in erster Linie Ruhe statt Aufregung suchen. So sehr ich mich auch bemüht habe: ich finde in dieser Region keine Hostels.

 

Die Erfahrung lehrt mich aber, das Alleinsein nicht persönlich zu nehmen, es nicht ausschließlich mir zuzuschreiben. Und doch frage ich mich in verwunderten Momenten: Was machst du hier? Was hat dich gerade hierher geführt? Und warum?

 

Vergesse manchmal, wie weit entfernt ich von der Heimat bin. Das mag an dem Landstrich liegen: New South Wales erinnert mich in der Tat sehr an das Original. Überall sanfte, zuweilen kräftigere Hügel, alle in saftigem Grün, von Rindern kurz gehalten. Die Küstenlinien wunderschön und wild. Und dann wiederum denke ich, dass ich durch die USA fahre: die langen und breiten Highways, die wie ein Spiegelei in die Fläche gesetzten Orte, die nur selten mehr als ein, zwei Hauptstraßen haben, die vielen Pickups und Trucks der Farmer. Sofern ich auf Menschen treffe, in Restaurants und in Läden, habe ich wiederum das Gefühl, in England zu sein. Die Sprache, die Kleidung (im Guten wie im Schlechten), die freundliche Distanz. Erst wenn mich jemand mit “Hey, Mate!” anspricht und mit “No worries” verabschiedet, erinnere ich mich, wo ich bin.

 

Dienstag, 24. April 2018 - Fish Creek, Australien

 

Die letzten Tage eine Prüfung. Wieviel Einsamkeit und Langeweile halte ich aus?

 

Das Land, die Natur könnten schöner kaum sein. Es ist keine Landschaft, bei der man ständig den Atem vor Verzücken anhält, aber gerade das Unspektakuläre ist so wundervoll: die geschwungenen Hügel, die wilden Flüsse, die einsamen Strände, die tiefen und unendlichen Wälder.

 

Nur: es ist nichts los und ich sterbe fast vor Langeweile. Am schlimmsten die Abende, wenn spätestens um 18 Uhr außer dem lokalen McDonalds alles geschlossen ist. Finde in den meisten Orten nicht einmal ein Pub, in das ich mich hocken könnte. Der frühe Abend fühlt sich an, als wäre er Mitternacht. Also ziehe ich mich jeweils in mein Motel-Zimmer zurück, ohne Kontakt zur Außenwelt, sofern diese überhaupt existiert. Dieses Verkriechen in die eigenen Wände ist das wahre Kennzeichen der sogenannten zivilisierten Welt; in Vietnam saßen die Menschen in jeder noch so provinziellen Stadt bis spät in die Nacht auf der Straße. Hier ist - wie auch bei uns daheim - niemand zu sehen. Zu groß sind die Annehmlichkeiten.

 

Die schlimmste Provinz ist die gepflegte. Wären hier wenigsten heruntergekommene Geisterstädte mit zwielichtigen Gestalten, ich fände mich damit ab. Aber nein: alles ist in Ordnung, aufgeräumt, brav, ohne jede Kante, an der man sich verletzen könnte. Nehme das den Einwohnern natürlich nicht übel, es passt nur überhaupt nicht auf meine Bedürfnisse. Und zu allem Ungemach ist auch noch Nachsaison: nicht einmal die Wale schauen vorbei.

 

Fahre seit Tagen von Strand zu Nationalpark zu kleinen Örtchen und werde innerlich immer träger. Alles schläfert mich ein - sogar das traumhafte Wetter - und ich frage mich, was für ein undankbarer Kauz ich eigentlich bin.

 

Der Tiefpunkt gestern abend. Zu nichts verspüre ich die geringste Lust. Bin deprimiert. In dem Bewusstsein, dringend etwas ändern zu müssen, suche ich nach anderen Unterkünften mit etwas mehr Sozialleben. (In den Motels gibt es ja nicht einmal Frühstück, bei welchem man auf andere Gäste treffen könnte).

 

Finde ein Hotel in Fish Creek, schon kurz vor Melbourne, unweit des Wilsons Prom Nationalparks. Sind zwar sechs Stunden Fahrt, aber das stört mich nicht, im Gegenteil: etwas Anstrengung, Herausforderung kann ich gut gebrauchen. Sitze also, bis auf ein paar Pausen, den ganzen Tag im Auto, rausche an weiteren Naturschönheiten vorbei - und genieße es seltsamerweise. Dieses Auslassen, Nichtbeachten von potentiellen Sehenswürdigkeiten macht souverän. “Ich verpasse etwas? Mir doch egal!”

 

Als ich beim Fish Creek Hotel anlange, atme ich erleichtert auf. Es stehen Dutzende Autos davor, das Restaurant und die Bar sind gut gefüllt, alles ist irgendwie: lebhaft.

 

Nehme ein Bier an der Bar und lerne Amy kennen, die mich fragt, welches Team der Australian Football League mein liebstes sei. Es entspinnt sich ein Gespräch - welch Freude! -, sie gibt mir ein Bier aus, wir verabschieden uns und ich bin zufrieden. Bin so genügsam und brauche nicht viel - aber ein bißchen eben doch.

 

 

 

 

Mittwoch, 25. April 2018 - Wilsons Promontory National Park

 

Sitze auf dem Gipfel des Mount Bishop und genieße die fantastische Aussicht. Es ist zwar bedeckt und nur 18 Grad warm, doch dafür windstill und ruhig, wie es nur die Natur sein kann. Das Einzige, was ich höre, sind die Vögel und die weit entfernte Brandung.

 

Dieser Nationalpark ist wirklich herrlich. Einsam, wild und doch gut erschlossen und ausgeschildert. Genau das Richtige für einen Tagesausflug. Die Tierwelt bezaubernd: schon an der Straße sehe ich Emus und ein Känguruh, kaum habe ich meine Wanderung durch den Regenwald begonnen, begrüßen mich zwei tiefrote Papageien und als ich hier oben ankomme, erholt sich gerade ein Wombat auf dem kleinen Felsplateau. Zählt man noch die Robben, Rochen und Pelikane dazu, die ich im Hafen von Narooma gesehen habe, kann ich mich nicht beklagen, keine Tiere gesehen zu haben. Es fehlen noch: Wale (nicht die Saison), Koalas (sehr selten), Pinguine und Delfine.

 

Stimmung deutlich besser. Es war richtig, gestern bis hierher durchzuziehen, etwas Zeit zu investieren.

 

Selber Tag - am Abend in Fish Creek

 

Kleiner Nachtrag: Kurz bevor ich den Park verlasse und die Sonne untergeht, halte ich am sogenannten Wildlife Walk. Wenn ich Glück habe, sage ich mir, sehe ich vielleicht ein Känguruh. Ich sehe nicht eins, sondern Dutzende, dazu ebenso viele Emus und drei, vier Wombats. Das Erstaunliche dabei: ich kann mich den Tieren bis auf zwei, drei Meter nähern, ohne dass diese eine Reaktion zeigen. So muss das Paradies ausgesehen haben. Alle Tiere und die Menschen lebten friedlich nebeneinander her - bis eben einer zu viel Hunger bekam.

 

 

 

 

 

 

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