Was die Sonne schafft an einem Tag - VI

April 13, 2018

 

Freitag, 6. April 2018 - Im Zug von Dong Hoi nach Hanoi, Vietnam

 

Schreibfaul. Nein: grundsätzlich faul. Müsste etwas Spanisch lernen, könnte etwas lesen. Stattdessen starre ich seit acht Stunden aus dem Fenster und penne immer wieder ein. Träume vor mich hin, während draußen der Film “Vietnam” gezeigt wird.

 

Ziehe heute über zehn Stunden im Zug durch. Muss etwas Strecke machen, da mir nicht mehr viele Tage in Vietnam bleiben. Etwas schade ist das schon, denn mit wenig Zeit findet man die versteckten Paradiese nur mit Glück. Dong Hoi würde ich als ein solches bezeichnen. Die Stadt ist überschaubar groß und für vietnamesische Verhältnisse ruhig, ja beinahe unheimlich ruhig. Man schaut sich auf der Straße um und vermisst das Brummen, das Gehupe, das Beinahe-Überfahren-Werden.

 

Übernachte bei einer kleinen Familie, die ein sogenanntes Homestay mit angeschlossenem Café betreiben. Für das Bett im 4-Mann-Schlafsaal bezahle ich unfassbare vier Euro die Nacht - inklusive Frühstück. Mein Zimmerpartner ist ein Franzose aus der Nähe von Marseille, der zwar etwas schräg drauf, aber sehr in Ordnung ist. Er macht nach eigener Aussage nichts, außer auf der Terrasse des Hostels abzuhängen, mal hier einen Kaffee zu trinken, mal dort Nudeln zu essen und zu kiffen. Er hat nicht vor, so schnell von hier abzuhauen, da er die großen Städte auch nicht mag und Dong Hoi so paradiesisch entspannt ist.

 

Zu sehen gibt es in Dong Hoi: nichts. Wäre dem nicht so, wären ja alle hier. Eine Attraktion liegt dann aber doch in der Nähe und ist der Grund für meinen Stopp: der wunderbare Phong-Nha Ke Bang Nationalpark mit seinen riesigen Höhlen. Wie groß die sind, begreife ich erst, als ich dort bin. Die Paradise Cave, die meistbesuchte und am besten ausgebaute Höhle, ist an der imposantesten Stelle hundert Meter hoch und fast genauso breit.

 

--- ein kleiner, neugieriger Junge schwarwenzelt schon seit Stunden um meinen Platz im Zug herum. Im Moment sitzt er neben mir, starrt mich immer wieder mit großen, klugen Augen an und schaut in mein Tagebuch. Versucht scheinbar zu verstehen, was ich da mache. Ich zeige ihm die Seite und lache - er grinst und möchte auch etwas schreiben … ---

 

Man steht also in der ausgeleuchteten Höhle und zumindest ich begreife nicht recht, dass diese Kathedrale aus Stein natürlich und nicht menschengemacht ist. Es ist wie immer, wenn Spektakuläres leicht zugänglich ist, mundgerecht vorgeführt wird. Man ist dort, macht pflichtbewusst ein Foto, versucht zu staunen, staunt etwas und vergisst leider wieder recht schnell.

 

 

 

 

 

Samstag, 7. April 2018 - Hanoi, Vietnam

 

Ein langer, sehr langer Ritt gestern. So lang, dass irgendwann die Zeit verschwimmt und es völlig egal ist, ob man nun acht, zehn, zwölf oder vierzehn Stunden unterwegs ist. Genieße diese Erlebnispausen dann aber doch ungemein, wenn sie auch sehr anstrengend sind.

 

Mit der Bahn durch Vietnam zu fahren, ist durchaus angenehm. Die Waggons sind in Ordnung, die Züge sehr pünktlich - was bei dem langsamen Tempo auch nicht allzu schwierig ist. Wenn man sich also auf die vietnamesische Geräuschkulisse - laut telefonierende Frauen, diskutierende Männer sowie das schrille Bahn-Fernsehen - einstellt, kann es recht vergnüglich sein. Am angenehmsten dabei: die Züge rattern, hopsen, schwanken noch so schön, wie man es bei uns kaum noch findet. Man schaukelt also ständig und nickt aufgrund dessen immer wieder ein - so als würde man wie ein Baby im Kinderwagen chauffiert.

 

 

 

 

 

Später am selben Tag - Cat Ba Island, Vietnam

 

Irgendetwas hat meinen Magen heute morgen aus der Kurve getragen. Ich sitze im Bus nach Cat Ba und nach wenigen Minuten wird mir kotzübel. Fange an zu schwitzen, mir ist leicht schwindelig und ich frage mich, wie ich das zwei Stunden aushalten soll. Der Bus schaukelt wie ein Schiff und ich werde seekrank. Atme immer wieder tief durch und versuche, den leichten Brechreiz zu verdrängen. Das geht eine gute Stunde so - mal mehr, mal weniger schlimm - und dann wird es zum Glück etwas besser.

 

Cat Ba City ist mit einem Wort: schrecklich. Habe auf der ganzen Reise noch keine derart unaufgeräumte, verlotterte Stadt gesehen. Das ist auch nicht mehr liederlich-charmant, sondern nur noch liederlich. Überall liegen Schuttberge und Plastikmüll und die Straßen sind unfassbar staubig, ohne dass ich mir erklären könnte, warum.

 

Das Wetter ist zudem trostlos, es ist kalt und mein Magen noch nicht ganz wiederhergestellt. Und so bin ich abermals genervt und stelle das ganze Land in Frage. Muss man Vietnam wirklich gesehen haben? Würde ich zurückkehren wollen?

 

Ich kann das nicht zweifelsfrei beantworten. Andererseits birgt dieser Zweifel ja auch einen Reiz: Vietnam wirft sich dir nicht an den Hals. Es will wie eine launenhaft-stolze Frau verstanden und erobert werden. Man weiß nie, was zu erwarten ist und jedes Vorurteil, ob gut oder schlecht, wird durch Überraschendes gebrochen. Am Abend in Dong Hoi etwa ruft mich kurz vor Mitternacht der sehr sympathische Gastgeber. “Di” sagt er - das r und das k werden hier grundsätzlich weggelassen - “komm und probiere diese Eier.” Ahnungslos und dankbar nähere ich mich dem Tisch mit den gekochten Eiern darauf. Ich nehme eines zur Hand, schlage es auf und fange an zu pellen. Etwas jedoch stimmt nicht, das Innere ist sehr dunkel. Schaue genauer hin und stelle fest, dass das Küken schon fast ausgewachsen ist. Der liebe Gastgeber redet mir zu: “It’s easy. Just close your eyes.” Aber ich kann nicht.

 

Lachend erklärt mir seine Frau wenig später, dass Vietnam stolz darauf ist, drei von zehn Plätzen auf der offiziellen Horrorfood-Liste der Welt zu belegen. Ein weiteres Beispiel: es gilt durchaus als Delikatesse, verpuppte Raupen, kurz vor dem Schmetterlingsschlupf, zu essen. Nur mit den Fäden sei das etwas schwierig.

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 9. April 2018 - Cat Ba Island, Vietnam

 

Apropos Überraschung: so furchtbar der Tag meiner Ankunft hier war, so geil waren die beiden letzten Tage. Es ist schon erstaunlich wie trübes Wetter, Kälte und leichte Übelkeit einem die Laune zerschießen können und umgekehrt etwas Sonne, eine gute Tour und nette Menschen alles wieder heilen.

 

Und als ich mir dann heute morgen einen Motorroller miete und ganz entspannt über die Insel kurve, entwächst der besseren Laune regelrechte Euphorie. Genieße das Freiheitsgefühl auf dem Roller sehr und ärgere mich im selben Moment, mir nicht schon früher einen geliehen zu haben. Bin eben doch ein braver Bedenkenträger.

 

So hässlich und verbaut die Küstenstraße ist, so wunderschön ist der Cat Ba Nationalpark im Inneren der Insel. Wie Zuckerhüte reihen sich die Felsen aneinander und sind mit dichtem Dschungel bewachsen. Zu einem dieser Berge führt ein Wanderweg, mäßig anstrengend und mit einer umwerfenden Aussicht auf dem Gipfel.

 

 

 

 

 

 

 

Gestern auf Bootstour durch die Halong-Bucht, das touristische Standardgericht hier. Bin allerdings positiv überrascht. Dank TripAdvisor finde ich einen guten Anbieter. Das Boot ist für die fünfzehn Gäste riesig, das Sonnendeck ein Traum und die Natur einfach nur berauschend. Als ich bei einem Stopp ins Wasser springe, denke ich: “Wow. Du schwimmst jetzt tatsächlich in der Halong-Bucht!”

 

Treffe auf dem Boot unter anderem zwei Holländerinnen, die zufällig im selben Hostel übernachten. Beide haben spannende Reisegeschichten zu erzählen. Die eine ist Ende Februar(!) in St. Petersburg in die Transsibirische Eisenbahn gestiegen und über den Baikalsee, die Mongolei bis nach Peking gefahren. Die andere hat drei Wochen allein in China verbracht und war sehr begeistert. Ich höre staunend zu und merke, wie sich in meinem Kopf neue Pläne entwickeln.

 

Manchmal jedoch sind die vielen Gespräche ermüdend, sofern sie sich nur ums Reisen drehen. Jeder erzählt, woher er kommt, wohin er geht, wie lange er/sie unterwegs ist und es noch sein wird. Eins ist klar: wir sind schon ein verwöhntes Völkchen, die kosmopolitische Travel-Elite. Keiner auf dem Boot zum Beispiel verbringt einen normalen Urlaub. Alle rechnen in Monaten, nicht in Wochen. Und plötzlich sitzt wieder das nörgelnde Teufelchen auf meiner Schulter: “Ist das noch normal?”, flüstert es. “Hältst du diesen Hedonismus wirklich für gesund? Irgendwas stimmt doch hier nicht.” Der Teufel (mein Teufel) muss ein Preuße sein. Oder verwechsle ich die Parteien?

 

Dienstag, 10. April 2018 - Hanoi, Vietnam

 

Warum ist es so schwer, Buddha gleich, loszulassen und einfach man selbst zu sein? Warum nehme ich in bestimmten Situationen Posen ein, wohlwissend, dass sie mir nicht entsprechen?

 

Sitze im Café des Kunstmuseums in Hanoi und kann für Minuten meine Augen nicht von einer Frau lassen. Sie hat ein orientalisches Gesicht, wahrscheinlich indisch-pakistanische Vorfahren und ist umwerfend schön mit ihren riesigen Augen, den langen, tiefschwarzen Haaren, den hohen Wangenknochen. Natürlich will ich einen, nein, mehrere Blicke von ihr auffangen - doch es gelingt mir nicht. Ziehe daraufhin den rechten Ellenbogen auf die Stuhllehne zurück, greife mir mit der linken Hand wahlweise an Bart oder Schläfe, versuche, mich ernsthaft, intelligent erscheinen zu lassen. Aber es verfängt nicht. Also schaue ich weise ins Nirgendwo, schmunzle mal zufrieden und ziehe dann wieder die Stirn die Denkfalten - immer scheinbar auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen. - Idiotisch.

 

Im Museum selbst geht mir angesichts einiger wunderbarer Gemälde auf, warum asiatische Frauen manchmal so faszinierend sind: es ist ihr stolz-melancholischer Blick, in dem so viel traurige Weisheit liegt. Jene Weisheit, mit der ich nun im Café Eindruck zu schinden versuche.

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 11. April 2018 - Flughafen Hanoi, Vietnam

 

Jetzt, da ich Vietnam verlasse, bin ich in versöhnlicher Stimmung und würde die Frage, ob ich zurückkehren würde, bejahen.

 

Ziehe im Taxi zum Flughafen unweigerlich ein Resumee - versuche es zumindest - und stelle fest, dass Vietnam eines nun wirklich nicht ist: langweilig. Im Gegenteil, wer mit wachen Augen unterwegs ist, wird Millionen kleiner Szenen und Details entdecken, die in Summe den Charme des Landes ausmachen. Und ja: wer nicht entspannt ist oder es nicht schafft, sich frei und locker zu machen, wird mit Vietnam hadern, so wie ich es zeitweise tat. Dass dieses Land jedoch die Klischees kaum erfüllt und nicht in wenigen Wochen entschlüsselt werden kann, fasziniert mich im Nachhinein am meisten. Vietnam muss man sich erarbeiten.

 

Donnerstag, 12. April 2018 - Victoria Peak, Hongkong

 

Hatte zwischenzeitlich das Gefühl verloren, an außergewöhnlichen Orten zu sein. Dieses innere Zwicken, ob das denn wirklich wahr sein kann. Es war im Reise-Alltag untergegangen, hatte sich hinter Gewöhnung und Routine versteckt.

 

Jetzt ist es wieder voll da. Bekomme beim Anblick von Städten selten eine Gänsehaut, doch die Aussicht auf Hongkong Island gestern nachmittag macht mich für kurze Momente sprachlos, überwältigt mich.

 

Und: hier atme ich befreit auf. Die erste Welt hat mich wieder, so snobistisch das auch klingt. Am angenehmsten ist die Fortbewegung durch die Stadt. Die Fusswege sind breit, der Straßenverkehr ist harmlos. Außer Bussen fahren nur wenige Autos, in der Regel die Luxuslimousinen der Superreichen. Der Nahverkehr ist perfekt ausgebaut.

 

Muss mich allerdings erst wieder an die Ampeln gewöhnen. In Vietnam gab es nur die eine Devise: geh einfach los (sofern nicht gerade ein Schwertransport kommt), hole tief Luft und bleib - verdammt nochmal! - nicht stehen. Hier bleiben alle stehen, vorzugsweise vor der roten Fußgängerampel, obwohl minutenlang kein Fahrzeug kommt. Mir zuckt es in den Beinen, ich bin auf dem Sprung, die Straße zu überqueren, aber die Asiaten bleiben brav stehen und warten das quälend lange Intervall geduldig ab. Dachte bislang, das gibt es nur in Deutschland.

 

Vielleicht liegt das am asiatischen Lebensgefühl im Allgemeinen. Obwohl Hongkong ähnlich gewaltig wie NYC ist, ist es nicht annähernd so hektisch. Niemand rennt, niemand drängelt, alle gehen geduldig und gleichgültig bezüglich der Massen zu ihrem Ziel. Und es ist wunderbar, wie sich die britische Stilsicherheit - herrliche Parks, moderne Architektur - mit dieser Gelassenheit verbindet.

 

 

 

 

 

 

Freitag, 13. April 2018 - Hongkong

 

Frühstück in meinem fensterlosen Zimmer. Die zwei Betten und das eigene Bad sind, nach allem was ich lese, aber noch recht luxuriös, bezogen auf den Standard dieser Stadt. Doch alles was ich an der Oberfläche sehe, sind Luxus und Konsum. Die Tesla-Dichte ist enorm, man könnte meinen, Elon Musk hätte sein Ziel der Weltherrschaft bereits erreicht.

 

Muss jetzt erst einmal shoppen gehen. Ich kann manche der Shirts, die ich seit fast sechs Wochen mit mir und an mir herumtrage, nicht mehr sehen. Das ständige Waschen hat sie zudem nicht besser gemacht. Und die abgewetzte Jeans sieht - vor allem durch die Motorrad-Tour - so aus, als hätte ich einige Nächte meiner Reise im Freien verbracht. Da half auch der Wäscheservice im Hostel nicht mehr (auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Wäsche dort nur am Wasser vorbei getragen wird).

 

Mein Spaziergang durch Soho gestern abend ist daher auch recht unangenehm. Schlappe mit meinen Flip-Flops vorbei an noblen Bars. Draußen stehen gestylte Geschäftsfrauen in engen Kleidern und auf hohen Schuhen und rauchen, trinken, lachen. Die Herren sind meist im Anzug, mindestens im Hemd und der schwarze Lackschuh ist ihr Erkennungszeichen. Schaue an meinem knittrigen Hemd herunter, über das Loch in der Jeans auf die weit gereisten Latschen und verlasse die Gegend schnell wieder.

 

Das erste Ding jedoch, welches ich mir auf der gesamten Reise kaufe, um es zu ge- und nicht zu verbrauchen, ist eine Schwimmbrille. Jauchze kurz auf, als ich auf meinem ersten Bummel am Mittwoch nachmittag ein Schwimmbad unweit meines Hostels im Kowloon Park finde. Muss mich zwar überwinden, gehe aber doch los und schwimme für vierzig Minuten. Das macht den Kopf herrlich frei, obwohl ich vergessen hatte, wie hart es auch zuweilen sein kann.

 

 

 

 

Please reload

© 2015-2017 By Dirk Heinecke