Was die Sonne schafft an einem Tag - V

April 3, 2018

 

“Worte sind Gefäße, die wir mit Erlebnissen füllen, doch diese quellen über das Gefäß hinaus.”

 

Erich Fromm - Haben oder Sein

 

Donnerstag, 29. März 2018 - irgendwo an der Landstraße außerhalb von Buon Ma Thout, Vietnam

 

Es ist nicht einfach, in der Hängematte lesbar zu schreiben. Besser, einfacher als im Bus ist es allemal. Tri hat uns eine kurze Pause verordnet. Wir genießen Zuckerrohr-Saft und lassen den Verkehr auf der Straße vorbeiziehen.

 

Meiner Familie hatte ich beim Abschied eigentlich versprochen, auf mich aufzupassen, kein übermäßiges Risiko einzugehen. Und jetzt das: sechstägige Motorrad-Tour durch das zentrale Hochland von Da Lat in den Bergen nach Hoi An am Meer. Ich will etwas erleben, das Land ungeschminkt sehen und je mehr begeisterte Berichte ich im Vorfeld lese, umso mehr wächst der Wunsch in mir, die Tour zu machen. Also schreibe ich einem Anbieter, noch von Saigon aus, eine email und zwei Tage später sitze ich Tri gegenüber und denke: “Ok, let’s do it”.

 

Natürlich ist da ein mulmiges Gefühl am Morgen bevor es losgeht. Tri spannt meinen Rucksack auf die Maschine, ich steige auf und während der ersten Meter durch Da Lat wird das Unbehagen eher verstärkt. Fühle mich wie in einem Computerspiel. Aus allen Richtungen kommen Fahrzeuge und Menschen - oft unvorhersehbar, wohin sie eigentlich wollen. Tri hat die Hand am Joystick und kurvt um sie herum, beschleunigt, bremst, weicht aus, stoppt, beschleunigt, bremst …

 

Doch kaum verlassen wir die Stadt, wird die Fahrt harmonischer und entspannter. Wir rollen gemächlich durch die Berge und das Land wird immer mehr zu einem Land. Wohin ich blicke Gewächshäuser, später endlose Kaffee-Plantagen. Lehne mich zurück, gegen den Rucksack und werde lockerer.

 

Schneller als 60 km/h fahren wir nie. Mehr scheint die Maschine auch nicht herzugeben, was mich durchaus beruhigt. Die größte Gefahrenquelle außerhalb der Stadt: einander jagende Hunde, die Straße überquerende Hühnerfamilien - und Kühe. Doch Tri hat alles im Griff.

 

Er ist nicht nur Fahrer, sondern auch ein exzellenter Fremdenführer, der sehr gut englisch spricht. Ich kann gar nicht verarbeiten, was er mir alles zeigt: buddhistische Tempel, Seidenraupen inkl. Fabrik, Cashew-, Kaffee-, Kakao-, Teeplantagen, ein Kolonial-Gefängnis der Franzosen, eine Backstein-Fabrik, einen Trommelbauer.

 

 

 

 

 

Ein Zwischenstopp bleibt mir besonders in Erinnerung: wir halten an einem unscheinbaren Café und Tri führt mich in den hinteren Bereich des Hauses. In kleinen Käfigen sind Dutzende Wiesel, Iltisse eingesperrt, die indirekt an der Kaffeeverarbeitung beteiligt sind. Sie bekommen Kaffeebohnen gefüttert, kacken diese dann unverdaut wieder aus. Die Bohnen werden gesäubert und der so “verarbeitete” Kaffee als teure Delikatesse verkauft. Natürlich probiere ich eine Tasse. Tri: “How is you Weasel-Shit?”

 

Am schönsten ist es jedoch auf dem Rücksitz des Motorrades, vor allem am Ende des ersten Tages. Die Landschaft ist bergig, das Licht wird weicher und wir passieren Flüsse und Seen. Die Bauern sind auf dem Heimweg und das Land verströmt eine wunderbare Atmosphäre. Zwischen Reisfeldern und hohen Bergen, den Wind im Gesicht, finde ich das Vietnam, das ich im Kopf habe. Eine Illusion vielleicht, ein Klischee wahrscheinlich - aber wunderschön und so herrlich verträumt.

 

--- Tri ist in der Hängematte eingepennt, es war ein langer Abend gestern; also schreibe ich weiter ---

 

Am ersten Abend übernachten wir im Haus einer Familie der Muong, einer von unzähligen vietnamesischen Minderheiten mit eigener Sprache. Die Bedingungen sehr einfach: auf dem Boden lediglich eine Matratze, darüber ein Moskitonetz; die Toilette und Dusche draußen weit hinter dem Haus. Die Nacht ist ein ständiger Wechsel zwischen Schlaf, Halbschlaf und Erwachen. Die Geräuschkulisse abwechslungsreich: bellende Hunde in der Nacht, krähende Hähne am äußerst frühen Morgen, die aufstehende Familie um fünf Uhr, ein mit dem Hammer zu glättendes Blech eine halbe Stunde später und schließlich der startende Traktor um sechs. Danach wird es wieder ruhiger, die Tiere sind scheinbar versorgt, die Menschen bei der Arbeit, wir noch faul im Bett.

 

 

 

  

 

Karfreitag, 30. März 2018 - Kon Tum, Vietnam

 

Verkürzte Etappe heute und ich bin recht froh. Habe mein eigenes Zimmer, nachdem wir uns in den vergangenen drei Nächten eines geteilt haben. Kann etwas entspannen, meinen Rücken strecken und die Erlebnisse der letzten Tage notieren.

 

Vorhin Besuch eines Dorfes der Bana-Minderheit. Der lange Arm der Missionare hat die Bana zum katholischen Glauben geführt und als Tri und ich durch das Dorf spazieren, strömen die Menschen gerade an der Kirche zusammen. Wir gehen mit hinein, setzen uns leise auf den Boden und verfolgen interessiert das Geschehen. Die Frauen und Kinder versammeln sich auf der linken Seite, die Männer rechts. Drei Priester wandern unendlich langsam durch die hölzerne Kirche, an den Außenwänden entlang. Die Menschen wenden sich ihnen zu und wiederholen unentwegt ihre Gesänge. Obwohl die Messe seit vielen Minuten läuft, kommen immer mehr Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf dazu.

 

Wir besuchen auf unserer Tour zahlreiche dieser Dörfer - wenn auch unterschiedlicher Minderheiten. Das Leben der Menschen ist einfach und es gibt kaum etwas, das nicht mit der Hand gepflanzt, geerntet, repariert wird. Auf dem roten Lehmboden wimmeln die Hühner, Schweine, Ziegen, Katzen und Kälber. Keines der Tiere ist eingesperrt und wer Hunde nicht mag oder gar Angst vor ihnen hat, sollte einen Bogen um die Dörfer machen.

 

 

 

 

 

 

Beim Spaziergang vorbei an den hölzernen Hütten scheint es mir oft, als würde ich in die Kindheit des menschlichen Lebens zurückblicken. Das Ursprüngliche hier wirkt reizvoll und anziehend, alles verströmt Vertrautheit und Ruhe. Die Menschen sind noch nicht vom Ergebnis ihrer Arbeit entfremdet, sie produzieren alles, was sie brauchen, selbst. Aber wer will schon in die Kindheit zurück? Man sehnt sich nach ihr, blickt wehmütig in die Vergangenheit und wünscht sich vielleicht in schwachen Momenten, wieder ein Kind zu sein. - Man wünscht es sich.

 

Die Route gestern nicht so beeindruckend. Die Straße ist wie ein Strich durch die flache, trockene Landschaft gezogen. Eine endlose Häuserreihe begleitet uns und wird nur selten durch etwas Natur unterbrochen. Mit der Zeit stellt sich bei mir Langeweile ein und 180 km wollen an diesem Tag bewältigt werden. Kurz nach dem Mittag wünsche ich mich auf meine heimische Couch. Irgendwann am späten nachmittag gerate ich dann aber fast in Trance. Das ewige Rauschen der Straße, die Unendlichkeit der bunten Schilder putzen mein Innerstes.

 

Und wieder: als ich nichts mehr erwarte, geschieht Großartiges. Tri hält auf einem großen Platz. Dort rollt der Fussball und kaum entdecken mich die Kinder, stürzen sie interessiert auf mich zu. Vorbehalte haben sie nicht, im Gegenteil. Stolz und mit frechen Augen fragen sie mich: “Where are you from?” Als ich sie aufkläre, johlen sie und zeigen auf einen der Knirpse. Er hat ein fantasievoll mutiertes Shirt der Deutschen Nationalmannschaft an.

 

Verspüre Lust, etwas zu kicken und weder Tri noch die Jungs lassen sich lange bitten. Das Spielfeld wird abgesteckt: Tri sucht ein paar große Steine und markiert ein Tor. Zwei der Jungen nehmen weitere Steine und bauen das zweite, das für meinen Geschmack jedoch viel zu weit entfernt ist. Will mir eigentlich nicht die Füße wund rennen, sondern nur etwas tricksen.

 

Doch es wird gerannt. Halte mich zurück und schleiche in der Abwehr herum. Meine Mitspieler sind gut. Man sieht den Einfluss von Messi und Ronaldo - Dribblings sind eindeutig ihre Lieblingsdisziplin. Tri und ich schnaufen und schwitzen recht bald, aber die Knirpse bekommen nicht genug. Wild belagern sie den Ball und es erstaunt mich, wie filigran sie diesen mit ihren Sandalen und Pantoffeln behandeln. So sehr mich das Getue um den Fussball auch manchmal nervt: er ist tatsächlich eine universale Sprache. Wer gemeinsam vor den Ball tritt, versteht sich.

 

 

  

Später am selben Tag - kurz vor Mitternacht

 

In Bierlaune zurück in meinem Zimmer. Tri ist ein cooler Typ und ich schließe ihn immer mehr in mein Herz. Nicht nur, dass er sich um alles kümmert, seine Art ist einfach wunderbar. Heute abend zum Beispiel: er führt mich in ein Barbecue-Restaurant, in das wohl kaum ein Tourist einen Fuß setzen würde. Man stellt uns einen kleinen Grill auf den Tisch. Wir essen jede Menge Fleisch, lassen uns ewig Zeit damit, trinken Dutzende Büchsen Bia Saigon und lachen uns alle fünf Minuten ein Loch in den Bauch. Nur als wir auf die Politik kommen wird es ernst.

 

Im Billard-Salon (unser drittes Match auf dieser Tour!) gibt es leider keinen Pool-Tisch. Die Vietnamesen spielen fast ausschließlich Carambolage. Ohne zu wissen, was ich tue, bestehe ich darauf, dass wir spielen. Klar: ich habe keine Chance, doch Tri gibt sich Mühe, mir das Spiel näher zu bringen. Erst als ich im Punktestand bedrohlich aufhole, zeigt er sich scherzhaft reserviert: “Ok, no more tips.”

 

Am Abend zuvor nimmt er mich mit zu seinen Freunden. Wir sitzen auf der Straße vor einem Outdoor-Geschäft, das einem der drei Freunde gehört. Auf dem Tisch, wie immer, Saigon-Bier, dazu gegrillter Thunfisch und gekochtes Fleisch. Ich muss unbedingt die Schweinezunge probieren und auch den Fisch reichen sie mir immer wieder. Er schmeckt hervorragend, keine Frage. Nur leider gibt es in Vietnam nichts, was nicht mit Chili gegessen wird.

 

Die Verständigung ist nicht immer leicht. Tri und sein Motorrad-Kumpel können gut englisch, der Besitzer des Ladens scheinbar kaum. Macht aber nichts: ein freundlicher Blick, eine Büchse Bier und ein kräftiges “Yo” (Prost) helfen darüber hinweg. Der Freund direkt neben mir kann zwar auch kaum englisch, ihn stört das aber nicht. Je mehr der Abend fortschreitet, umso mehr Mut sammelt er und redet beseelt auf mich ein. Ich glaube, seine Grundaussagen zu verstehen: “Deutschland ist super”, “der Krieg ist scheiße”, “wir sind alle Freunde”, “Prost”. Irgendwann spricht er sehr nachdrücklich von Hühnern - jedes zweite Wort ist “chicken” - und ich denke zuerst, er schwärmt vom Essen. Als ich nicke und ihm bedeute, dass die Hühnchen in Vietnam sehr lecker sind, schüttelt er den Kopf. “No, nooo, my friend”. Er bittet Tri zu übersetzen. Dieser schaut mich spitzbübisch und mitleidig an:  Mein neuer Freund möchte mir ein Pärchen sein besten Hühner schenken.

 

Ostermontag, 2. April 2018 - Hoi An, Vietnam

 

Am Strand. Wenn die Reise eine Ausnahme im steten Fluss des Lebens ist, dann ist der Tag am Strand eine noch weitergehende Außergewöhnlichkeit - die vollendete Ausnahme.

 

Habe mir einen Schirm und eine Liege gemietet, lausche dem ewigen Rauschen und schaue auf - wie hat mein Großvater so schön gesagt: die geradeste Linie, die es gibt auf der Welt - den Horizont. Kann angesichts der Süße des Tages meine Gedanken nicht halten: sie gleiten unweigerlich ins amateur-Philosophische ab, versuchen sich in Spirituellem, suchen nach Erklärungen. Sie sind jedoch so großartig verschwommen, dass es mir schon schwer fällt, zu bestimmen, was denn erklärt werden muss. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr genieße ich die Unklarheit, oder besser: die Unerklärlichkeit so manchen Gefühls. Bin ich also über die Phase der Sinnsuche hinaus? Vertraue ich stattdessen darauf, einfach zu sein; Eindrücke aufzunehmen, ohne sie zu interpretieren, erklären, einordnen zu müssen?

 

 

 

 

Stehe unter dem Einfluss zweier sehr unterschiedlicher Bücher: Erich Fromms “Haben oder Sein” und Faulkners “Absolom, Absolom!”. Ersteres behandelt den Antagonismus zwischen einer besitzorientieren Existenz und einer, die allem “Haben” an Dingen - aber auch an Ideen, Beziehungen, Vergnügen - entsagt und die Existenz an sich in den Mittelpunkt des Lebens stellt. Das Buch nervt phasenweise kolossal, der ein oder andere Gedanke verfängt bei mir aber nachhaltig.

 

Faulkner wie immer eigentlich unlesbar. Doch gerade dies macht es so außergewöhnlich. Die Sätze mehr ein Strom, ungeordnet wie so mancher Gedankengang, unerklärlich und geheimnisvoll, zudem in ewiger Wiederholung. Näher kann man der Irrationalität des Seins nicht kommen. Es ist jedoch zuweilen eine Qual und ich brauche viel Zeit, Muße und Konzentration.

 

Der Kontrast zwischen den vergangenen sechs Tagen und dem heutigen ist enorm. Ich bin aus dem Herzen Vietnams in dessen Puppenstube gekommen. Hoi An ist wunderbar, ein wenig zu romantisch für meinen Geschmack, doch schert mich das nicht: die Annehmlichkeiten sind zu überzeugend. Fünf Minuten nachdem ich gestern mein Zimmer betrete, ist mir klar, dass ich noch eine weitere Nacht bleiben werde. Es ist die beste Unterkunft, die ich bisher habe: ein großes, angenehmes, sauberes Zimmer mit Schreibtisch und - hey! - zum allerersten Mal einer Leselampe am Bett. Bisher gab es nur Bahnhofshallen-Beleuchtung, was die Abende nur bedingt gemütlich macht. Und meine deutsche Seele verlangt doch so sehr nach Gemütlichkeit. Am Ende des Zimmers ein schöner Balkon mit Blick auf den Pool - was will man mehr.

 

Die kleinen, schattigen Straßen Hoi Ans, die Brücken und Kanäle erinnern entfernt an Venedig. Und ja: es ist auch ähnlich touristisch. Die Pärchen flanieren oder fahren in einer Gondel auf dem Fluss. Die Läden verkaufen nur Dinge, die man im Urlaub erwirbt und das Straßenessen, zu dem ich mich idiotischerweise hinreißen lasse, ist schrecklich. Doch es gibt Schlimmeres, die Menschen sind entspannt, weil es eigentlich nichts zu besichtigen gibt. Es ist die Atmosphäre, die zählt.

 

 

 

 

 

 

Als wir gestern nachmittag in Hoi An ankommen, bringt mich Tri zu meiner Unterkunft, ich checke schnell ein und anschließend fahren wir auf ein, zwei Abschiedsbier in die Stadt. Ich versichere ihm, wie sehr ich die Tour genossen habe und dass ich ihn wärmstens empfehlen werde. Er fragt mich, wie meine Reise weitergehen wird - und ich erzähle es ihm. Hatte es bis dahin vermieden. Für Tri ist ein normaler Urlaub - ein, zwei Wochen im nicht weit entfernten Thailand etwa - der pure Luxus und eigentlich nicht zu bezahlen. Eine Reise auf andere Kontinente, in Länder mit westlichem Preisniveau ist für ihn komplett außer Reichweite. Er träumt von Paris und dem Münchner Oktoberfest und weiß doch, dass es Träume bleiben werden. Als ich ihm erzähle, wohin mich meine Reise führen und vor allem wie lange sie dauern wird, sagt er: “Wow, du musst echt hart gearbeitet haben in den letzten Jahren.”

 

Es ist das unverschämte Glück meiner Lebenssituation, meiner materiellen Bedingungen, meiner Freiheit, die mir ein schlechtes Gewissen macht. Ich kann nichts dafür, genauso wenig wie er etwas dafür kann, Vietnamese zu sein, nicht die gleichen Chancen zu haben wie ich. Natürlich kann ich gut in meinem Beruf sein, Leistung erbringen, mich im Studium angestrengt haben und mir darauf etwas einbilden - doch für die Basis, die grundsätzlichen Umstände kann ich absolut nichts. Sie sind in keinster Weise mein Verdienst. Und: es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre in der Deutschen Demokratischen Republik erwachsen geworden, hätte unter Umständen mein gesamtes Leben in einem sozialistischen Staat verbracht, ohne die Welt gesehen zu haben.

 

Mich treibt die Frage um, ob sich aus meinem Glück - im Sinne eines Casino-Gewinns - nicht eine Verantwortung ergibt. Es reicht mir nicht länger, mich damit zu trösten, dass ich mir bewusst bin, Glück gehabt zu haben. Das ist ein Feigenblatt, ein psychologischer Ablasshandel.

 

Das heißt: ich bin mir sicher, dass sich daraus eine Verantwortung ergibt. Nur wofür? Und wie kann ich ihr gerecht werden?


 

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