Was die Sonne schafft an einem Tag - IV

March 26, 2018

 

"Die Seele ist ein gewaltiges Schiff, das man mit Vorsicht manövrieren muss."

 

Virginie Despentes - Das Leben des Vernon Subutex

 

Donnerstag, 22. März 2018 - Ho Chi Minh City, Vietnam

 

Zeitloser Tag. Laufe verträumt durch die Stadt. Halte sehr regelmäßig in Cafés und lese. Graham Greenes “Der stille Amerikaner”. Ein ungemein kluges, hartes Buch ohne Romantik. Verschlinge es geradezu.

 

Träume heute morgen, ich würde die Reise hier abbrechen und nach Hause fliegen. Saigon (klingt und schreibt sich so viel besser als HCMC) raubt mir am Vorabend den letzten Nerv. Bin zum ersten Mal so richtig angepisst. Die Motobikes, die nur wenige Zentimeter an meinem Arm vorbei zischen, der ständige Lärm. An keiner Stelle kann ich mich ausruhen oder entspannen - grausam. Insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit stöhnt und faucht Saigon. Das ist ein Bienenstock, keine Stadt.

 

 

 

 

Freitag, 23. März 2018 - Ho Chi Minh City, Vietnam

 

Meine Gemütsverfassung im Widerspruch zur rauschenden Stadt, mit der ich mich langsam anfreunde. Bin ruhig, ausgeglichen, regelrecht in meiner Welt versunken. Vietnamesische Mädchen der Oberschicht schwatzen und lachen im französischen Café, ich habe meinen zweiten Americano vor mir. Vor wenigen Minuten habe ich Graham Greenes Roman ausgelesen und bin nachhaltig beeindruckt. Die Dreiecks-Geschichte ist nicht gerade erbaulich, der trocken-emphatische Blick auf die Welt, den Krieg, die Liebe aber sehr faszinierend.

 

Saigon indifferent. Der Lärm, der Verkehr, die Hitze manchmal unerträglich. Die schattigen Alleen, gepflegten Straßen, verwinkelten Gassen jedoch wunderbar. Gewinne trotz all der Hektik hier ein sehr entspanntes Verhältnis zur Zeit. Lasse mich treiben und es ist mir vollkommen gleich, was ich dabei sehe und wo ich am Ende herauskomme.

 

Gut möglich, dass die knapp drei Wochen Reisezeit jetzt ihre Wirkung entfalten. Die Bedenken vor dem Auf-Sich-Gestellt-Sein sind dem reinen Vergnügen an der maximalen Freiheit gewichen. Natürlich muss ich täglich neue Entscheidungen treffen: betreffend der Unterkunft, der Fortbewegung, des Essens, des Tages und seiner Verwendung. Empfinde das aber nur selten als Last.

 

 

 

 

 

Die Gedanken sind zudem nicht mehr so “bewölkt”, wie Kat das genannt hat. Werde neugieriger, mutiger, unbefangener.

 

Gestern abend etwa: laufe von meinem Hostel durch ein Viertel, in dem weit und breit keine Touristen zu sehen sind. Vor mir eine junge Frau, die in eine Gasse abbiegt. Zögere kurz und folge ihr dann. Unerwartet abzubiegen eine meiner größten Vergnügen auf Reisen. Die Gasse ist schmal; würde ich meine Arme ausstrecken, könnte ich die Häuserwände auf beiden Seiten gleichzeitig berühren. Den Himmel kann ich nicht sehen, Balkone, Zimmer ragen über den Durchgang hinaus und geben keinen Blick nach oben frei. Die Frau ist längst in einem der Eingänge verschwunden und mir wird kurz mulmig. Doch warum eigentlich? Die Menschen sitzen friedlich in den Hauseingängen. Jede Tür, jedes Fenster steht offen und die Fernsehprogramme schallen nach draußen. Schaue mir so manches interessante Zimmer an. Die Kinder spielen, die Erwachsenen essen und erzählen und nur selten blickt jemand verwundert auf.

 

Die Häuser sind so klein und eng, die Familien so groß, dass die Menschen gar nicht anders können, als ihr Leben draußen in der Öffentlichkeit zu verbringen. Finde dies im ersten Augenblick wunderbar und beneide sie um ihre Gemeinschaft - aber ist es wirklich so schön, wie es scheinen mag? Wie wenig Privatsphäre muss ihnen bleiben, wie nervig muss das auf Dauer sein? Niemand scheint sich hier einer allgemeinen Beobachtung entziehen zu können. Wie gehen zwei Liebende damit um?

 

In Asien beweist sich der Mut vor allem beim Essen. Als ich aus dem Gewirr der Gassen wieder herausfinde, verspüre ich kräftigen Hunger. Die Straßenküchen behagen mir (noch) nicht, obwohl ich in Siem Reap eines meiner besten Essen in einer solchen hatte. Doch war ich da nicht allein.

 

Finde einen Kompromiss und gehe in ein vietnamesisches Bistro. Niemand spricht englisch und ich suche mir mein Essen anhand von Bildern an der Wand aus. Die Nudelsuppe mit Würstchen, die wenig später kommt, ist überragend. Nudeln mit Stäbchen aus der Schale zu fischen aber nicht ganz einfach.

 

Schockierend, oder eher überraschend, die Prostitution. Dutzende Mädchen möchten mich auf der Touristenmeile zu einer Massage überreden und sind dafür viel zu sexy hergerichtet. Schaue ihnen anfangs in die Augen, um sie genauer zu mustern. Ein schwerer Fehler! Sie stürzen auf mich zu, halten mich am Arm fest. Eine streicht mir durchs Gesicht, versucht, meinen Bart zu kraulen.

 

Bekomme das nicht zusammen: Was genau an Vietnam ist eigentlich sozialistisch? Wie würde Onkel Ho reagieren, sähe er die Töchter seines Landes, wie sie ihre Körper an Westler verkaufen?

 

 

 

 

 

 

Samstag, 24. März 2018 - auf dem Flug noch Ho Chi Minh City nach Da Lat, Vietnam

 

Mein Gott. Muss mich im Moment sehr bemühen, nicht genervt zu sein. Rede mir zu: ruhig Blut, mein Lieber, du hast frei, bist entspannt.

 

Fakt ist: um mich herum herrscht Spielplatzunruhe. Die Mütter schwatzen unentwegt, die Kinder turnen und schreien. Eines brüllt ohne Unterbrechung. Das kann man schon mal aushalten für fünfzig Minuten, sage ich mir. Iggy Pop auf meinem Ohr kann sie zwar nicht übertönen, aber etwas betäuben.

 

Der Bus, den ich heute morgen eigentlich nehmen wollte, ist ausgebucht. Andere Verbindungen sind weniger passend. Empfinde auch wenig Lust auf acht Stunden Busfahrt für 350 km. Also fliegen.

 

16.40 - 17.30 Uhr klingt passend. Etwas spät zwar, aber akzeptabel. Nur bekomme ich am Tag nach der Buchung eine email - Start auf 17.50 Uhr verschoben! Und dann ist der Flug auch noch eine satte Stunde verspätet. Ein deutsches Pärchen neben mir ist beim Boarding maximal genervt. Nein, sage ich mir. Ich nicht.

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 25. März 2018 - Da Lat, Vietnam

 

Auf und ab. Herausragend schlechte Laune am vormittag, Besserung am nachmittag/abend. Werde mit Vietnam noch nicht so recht warm.

 

Schlafe äußerst schlecht. In Kombination mit dem dürftigen Frühstück, dem dünnen Kaffee und der Realisierung, dass mein Hostel am Arsch der Welt liegt, eine explosive Mischung.

 

Stapfe dennoch los - was es nicht besser macht. Da Lat an vielen Stellen genauso lästig wie Saigon. Kann in dem Moment die Rücksichtslosigkeit der Vietnamesen im Verkehr nicht mehr ertragen. Fange an, sie böse und provozierend anzuschauen, mich zu beschweren. Nahezu alle Vietnamesen würden sich eher einen Arm abhacken, als vom Gas zu gehen, einen Schritt zur Seite zu treten oder dir am Flughafen nicht ihren Koffer in die Hacken zu rollen. Mir ist bewusst, dass dies kulturelle Unterschiede sind, wie man so landläufig sagt - aber es nervt mich wahnsinnig. Und je übler meine Laune, umso gehässiger und zynischer werden meine Gedanken. Hadere mit der lakonischen Aggressivität der Moto-Fahrer und der absoluten Ausdruckslosigkeit so manchen Kellnerinnen-Gesichts.

 

Es ist wie so oft: der Frust verstärkt die Wahrnehmung (vermeintlich) negativer Aspekte. Doch woher der Frust? Kann sein, dass meine Erwartungen zu hoch waren. Hatte mich auf radelnde Freiheit, Kayak-Touren, Wanderungen durch Pinienwälder gefreut. Ohne gebuchte Touren geht hier jedoch nichts. Und ohne Fahrzeug fühle ich mich meiner Freiheit beraubt.

 

Ein weiterer Grund: die Einsamkeit schleicht sich von hinten an, packt mich an den Schultern. Habe seit Phnom Penh keine echten Kontakte mehr, was zu großen Teilen an einer unglücklichen Wahl der Unterkünfte liegt. Nicht alles, was sich Hostel nennt, ist in Vietnam auch eines.

 

Am nachmittag gelange ich in ruhigere Ecken. Fahre mit einer Seilbahn zu einem Kloster, laufe etwas durch den Wald, erkunde den See - ohne beeindruckt oder herzerwärmt zu sein. Finde auf dem Rückweg ein wunderbares Café mit sehr netten Menschen. Starre minutenlang vor mich hin, erst in angespannter Verkrampfung, später gelöst und befreit. Zurück im Hostel sind die meisten Ärgernisse verflogen - und mit ihnen die Erwartungen.

 

 

 

 

 

Montag, 26. März 2018 - Da Lat, Vietnam

 

Man sollte den Zehn Geboten ein elftes hinzufügen: Du sollst nicht ungeduldig sein.

 

Wunderbarer Tag mit Radtour und interessanten Begegnungen.

 

 

 

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