Was die Sonne schafft an einem Tag - II

March 14, 2018

“Soll reife Jugend weise, überlegen, 

Maßvoll, gelehrt und unpolitisch sein?? 

Darf sie verdreht und zukunftsblind verwegen 

Vergnügen saufen?? - Ja! und so auch: Nein!” 

 

Joachim Ringelnatz

 

Samstag, 10. März 2018 - Lonely Beach, Ko Chang, Thailand

 

Habe noch nie in Flip-Flops getanzt.

 

Ko Chang sollte eigentlich der Erholung dienen. So der Plan. Stattdessen bin ich jetzt die zweite Nacht bis vier Uhr morgens aus und trinke zu viel Bier.

 

Das Hostel zunächst ein Schock. Als Adam mir mein Zimmer zeigt, denke ich: “Wie soll ich hier fünf Nächte aushalten?” Es liegt direkt neben dem Tresen zur Straße hin. Die Toilette und Dusche draußen und mehr als einfach. Im Zimmer ein fest verbautes Doppelstockbett und ein Ventilator.

 

Doch kaum sitze ich vor der Tür und spiele mit meinem Telefon - die universelle Verlegenheitsgeste - kommt schon Tom aus London auf mich zu und begrüßt mich. Stunden später habe ich einer dunklen Bar ein Queue in der Hand und spiele mit ihm, Mathias und Kerstin, einem Finnen, zwei Russen, einem österreichischen Pärchen und Alaska-Bob eine verrückte Billard-Variante.

 

Bob arbeitet - in Alaska - für ein großes Fischerei-Unternehmen. Wenn Saison ist, schuftet er über hundert Stunden die Woche, so dass er ab und an monatelang nach Thailand gehen kann. Bob ist um die fünfzig, lacht immer wieder brüllend laut und wirft Runde um Runde. Die Geschichten, die er erzählt und die ich nicht behalten habe, sind der reine Seemannsgarn - jedoch zum Schreien komisch.

 

Am Tag drauf regnet es. Hänge rum und genieße den tropischen Regen, braucht man doch nicht die geringste Ausrede für exzessive Faulheit. So plätschert der Tag mit Essen, Plaudern, etwas Billard und Tischtennis vor sich hin.

 

Am Abend jedoch kehrt sich das um und wir hangeln uns von Bier zu Bier um am Ende in der Himmel-Bar zu landen, einem lauten Tanzschuppen mit furchtbarer Musik. Macht jedoch nichts, sofern man in der richtigen Gesellschaft unterwegs ist und einen Kleinen sitzen hat.

 

 

 

 

Später am gleichen Tag

 

Sitze am Strand, schaue der Sonne zu, wie sie verschwindet und bin der am besten riechende Typ der ganzen Insel. Dufte nach Aroma-Öl, da ich kurz zuvor eine Thai-Massage direkt am Meer genossen habe.

 

Nichts - fast nichts (!!) - wird dabei ausgespart. Die Massage beginnt auf der Kopfhaut und endet am kleinen Zeh. Je länger sie dauert und je mehr ich die Angst vor schmerzhaften Griffen verliere, umso mehr gehen meine Gedanken auf Wanderschaft. Es scheint fast so, als würden die Wellen über den Strand hinaus durch meinen Körper wiegen. Atme das herrliche Öl ein, spüre die sanfte Brise auf der Haut und denke an die Stationen, die noch mir vor mir liegen. Bekomme heftige Glücksattacken.

 

Montag, 12. März 2018 - Lonely Beach, Ko Chang, Thailand

 

Falle am Morgen nach wunderschönen Tagen oft in ein kleines Loch. Leichte Traurigkeit durchzieht mich, ohne dass ich genau bestimmen könnte, warum. Es ist wohl vor allem der Umstand, dass ich unentwegt nette Menschen kennenlerne, die dann weiterziehen oder die ich selbst zurücklassen muss.

 

Das ist kein Problem, wenn man sich in einer Bar kennenlernt und ein paar Minuten plaudert. Sofern man aber einen ganzen Tag oder sogar mehrere miteinander verbringt, wird es schwer. Empfinde es als außerordentlich schade, dass wir limitiert sind und nur zu einer überschaubaren Anzahl von Menschen echte und tiefe Beziehungen aufbauen können.

 

Ich bin eben ein sentimentaler Narr. Regelmäßig werden meine Augen feucht, sobald ich kleine Wunder erlebe. Etwa auf dem Boot gestern, in der letzten Stunde im weichen Licht, den Wind in den verfilzten Haaren, die Beine über Bord gehängt und mit dem warmen Wasser spielend. Blick in die Sonne oder wo auch immer hin. Bin innerlich weit weg und bei allen Dingen und Menschen zugleich - in dieser unbestimmbaren Mitte zwischen Denken und Fühlen, in der immer wieder kleine, erkenntnis-ähnliche Blitze aufleuchten. Tage gehen zu Ende und selten habe ich es mehr bedauert.

 

 

 

Hatte dabei großes Glück und bin dank Tom auf einem Schnorchel-Ausflug gewesen, der sich wohltuend von den normalen Trips abhob. Son, der Inhaber der Gu Bay Bar, in der wir fast jeden Abend sind, macht diese Ausflüge immer nur sonntags. Die Gäste wählt er mit Bedacht aus. Statt Werbung zu machen, geht er lieber über den Strand und verteilt einfachste Zettel - bevorzugt an die hübschen Mädchen.

 

Wir starten um neun Uhr morgens, fahren über den Hügel in die nächste Bucht und besteigen dort das kleine, zweistöckige Boot. Nach einer Stunde Fahrt kommen die Felsinseln in Sicht, wir schnappen Schnorchel und Brille, springen vom ersten Stock des Bootes und begeben uns auf die Suche nach bunten Fischen.

 

Später am selben Tag

 

Das Leben hier ist so außergewöhnlich süß, dass man die Untiefen schnell vergisst. Das gilt vor allem für die sorglos-unbefangenen 20-Jährigen. Es ist schön, ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihre Zeit genießen und verschwenden. Sie haben keine Ahnung, was vor ihnen liegt, platzen vor Hunger und Neugier. Gut so, richtig so - ich dämpfe meinen Neid.

 

Stehe im Kontrast dazu noch unter dem Eindruck eines Gesprächs mit einem Amerikaner. Er sitzt im Liegestuhl neben mir und als Son zufällig auftaucht und mit mir Witze reißt, kommen wir ins Reden. Er stammt von der Westküste und ist vor knapp sechs Jahren nach Asien gegangen, um Englisch zu unterrichten. Ähnliches habe ich jetzt schon ein paar Mal gehört und fand es anfänglich beeindruckend. Mittlerweile beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass dies eher Gelegenheitsjobs sind, um sich über Wasser zu halten.

 

So auch bei meinem Gesprächspartner. Er hat gerade seinen Job verloren und lebt vom Geld, welches ihm sein Bruder schickt. Vor der Rückkehr nach Amerika hat er große Angst, obwohl er sehr gern seine Mutter wiedersehen würde, die in den Achtzigern ist. Irgendein Bekannter hat ihm zudem erzählt, dass die Bedingungen in China besser wären und er erwägt einen Umzug dorthin. Leider hat er aber alle Dokumente verloren: Zeugnisse, Bescheinigungen usw. und muss sich erst die Originale anfordern. Er ist ein netter Kerl, obwohl oder gerade weil er mir innerhalb von ein paar Minuten sein Herz ausschüttet. Seine amerikanisch-optimistische Art, von Traurigkeit und Sorgen zerfranst, lässt mich nachdenklich zurück.

 

 

 

Dienstag, 13. März 2018 - Im Bus von Poipet nach Battambang, Kambodscha

 

Abenteuer. Alles bisher fühlt sich wie ein 5-Sterne-Hotel an, im Vergleich zu den letzten ein, zwei Stunden meiner Reise. Die Fahrt mit dem Minibus von Ko Chang bis zur kambodschanischen Grenze ist zwar nervig, aber noch ok. Hatte einen Trip nach Battambang gebucht, in der Annahme, der Minibus bringt mich bis dorthin. Aber nein, an der Grenze müssen wir alle aussteigen und werden von unfreundlichen Geschäftemachern in Empfang genommen. Selbstlos übernehmen sie alle Visa-Angelegenheiten für uns und zocken uns dabei geschickt ab. Das Visa ist teurer als ich das in Erinnerung hatte, ebenso die Gebühr für das fehlende Passfoto. Unfreundlich grummeln uns die Guides an, regen sich über jeden Fehler auf. Als ich die Nummer des Visas nicht auf den blöden Beipackzettel schreibe, herrscht er mich an: “Write down the number! Write number!” Zu meiner chilenischen Reisebekanntschaft wird er noch ungehaltener: ihr verschwendet hier meine und eure Zeit; schreibt gefälligst die Nummer auf. Dumme Menschen und Macht, immer das gleiche Spiel.

 

Ein anderer, etwas netterer Guide hält anschließend einen Vortrag, wie der Grenzübertritt ablaufen wird und es danach weitergeht. Dabei empfiehlt er, noch einmal fünfzehn- bis zwanzigtausend Baht abzuheben, weil man diese vollkommen gebührenfrei direkt hinter der Grenze tauschen könne. Abhebungen in Kambodscha seien eigentlich nicht möglich, deshalb müssten wir vorsorgen. Ich verzichte, weil ich die Nachtigall lautstark durch die Hallen trapsen höre.

 

Nach meiner Einreise stelle ich fest, dass ich der einzige Dussel bin, der nicht nach Siem Reap (Angkor Wat) sondern nach Battambang unterwegs ist. Alle anderen gehen ganz entspannt zu einem klimatisierten Reisebus zurück, während mir die Guides “Battambang! Battambang!” zurufen und heftig gestikulieren, ich solle doch meinen Rucksack aus jenem Bus nehmen. Kaum habe ich diesen auf den Rücken geworfen, rennt wieder ein anderer Guide in Richtung Kambodscha los und fordert mich auf, ihm zu folgen. Er wird immer schneller und ich japse hinterher. Plötzlich bleibt er bei einem Moped-Fahrer stehen und bittet mich, aufzusteigen - mit Rucksack auf dem Rücken. Los geht die Fahrt und ich werde schlagartig gläubig: Links zwischen Mauer und LKW vorbei, dann vor diesem rechts rüber ziehen, zwischen zwei überladenen Tuk Tuks hindurch wieder nach links. Spüre bei jeder Beschleunigung und Bremsung den Rucksack auf dem Rücken und versuche mich - so gut es eben geht - festzuhalten. Schließlich hält er neben einem uralten Bus und lässt mich absteigen. “Phnom Penh?”, fragt mich ein Mann. “Battambang!”, antworte ich und glaube fast, das wäre mein neuer Name. “Ah, Battambang.” Er winkt mich in den Bus und ich blicke in zwanzig ausschließlich kambodschanische Gesichter voller Neugier.

 

Der Schweiß rinnt mir von der Stirn, der Plus klopft im Hals und ich muss mich erst einmal sammeln. Habe nur noch wenig Wasser und ziemlichen Durst. Setze mich ins hintere Drittel und nach einer Weile wird mir klar, dass sich niemand für mich interessiert. Ich grinse und beruhige mich. Hatte ich dergleichen nicht gesucht?

 

 

 

 

Mittwoch, 14. März 2018 - Battambang, Kambodscha

 

Ruhiger Tag nach der Aufregung gestern. Laufe durch die entspannte Stadt, die mich zuweilen an New Orleans erinnert - kein Wunder, wurden doch beide Städte von Franzosen gegründet. Trinke hier und da einen Kaffee, lese und schreibe etwas.

 

Kambodscha ist anders als Thailand. Es vergeht viel Zeit, bis man mal auf einen anderen Europäer oder Amerikaner trifft, die Menschen sind zudem sichtbar ärmer. Fange jedoch immer wieder ein Lächeln auf, vor allem von den Kindern. Taue auf, lege meine Beklemmungen ab, auch wenn ich hin und wieder angestarrt werde.

 

Schlendere am frühen Abend noch einmal durch die Stadt und mache Foto um Foto. Bin froh, die gestrige Reise auf mich genommen zu haben, denn Battambang ist eines vor allem: echt. Als hunderte Mopeds um mich herumschwirren, gebe ich meiner Verzückung durch einen lauten Seufzer Ausdruck.

 

Muss zwischendurch leider immer wieder dringend zurück ins Hostel. Der Magen spielt mir das Lied vom Klo.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Please reload

© 2015-2017 By Dirk Heinecke