Was die Sonne schafft an einem Tag - I

March 6, 2018

Samstag, 3. März 2018 - Flughafen Oslo, Norwegen

 

 Endlich fällt die Anspannung etwas ab. Die letzten Tage eine endlose Kette von Stichpunkten auf Checklisten, beruflich wie privat. Visum abholen, Kühlschrank leeren, dies noch klären, das noch machen. Dazu die vielen kleinen und großen Abschiede.

 

Überhaupt die Abschiede: man drückt sich intensiver, schaut sich länger in die Augen vor einer solch großen Unternehmung. Die Sorge, die lange Trennung, das Vermissen des Anderen - all dies wird in kräftige Umarmungen gepackt.

 

Es ist verdammt spät geworden gestern abend, ich habe bis zum Schluss geputzt und gepackt und bin erst kurz vor eins ins Bett. Heute morgen dann um sechs Uhr wieder auf. Ich war so gerädert, dass ich keinerlei Lust verspürte, das Haus zu verlassen, den Globus zu umrunden. Empfand zehn Minuten nach dem Aufstehen, im Halbdunklen unter der Dusche, nichts als Furcht vor der Welt. Alle Neugier war verflogen, der Mut verdampft und mit Blick auf meine nackten Füße und das Duschwasser wünschte ich mir, mich an den Rockzipfel meiner Mama retten zu können.

 

Wegen der Eiseskälte heute morgen habe ich ein Taxi zum Flughafen genommen. Als dieses die Warschauer Straße runter rollte und an der Oberbaumbrücke abbog, sah ich die glitzernde Spree und die Sonne strahlte. Entgegen dem Klischee hatte der türkische Taxifahrer Klassik-Radio laufen und sie spielten irgendeinen Satz einer Beethoven-Sinfonie - ich war zum ersten Mal ergriffen. Alles floss zusammen: Vorfreude, Angst, Erwartung und Erschöpfung, Trauer und Wehmut.

 

Und obwohl ich nun auf meinen Anschluss nach Bangkok warte, habe ich immer noch nicht begriffen, dass ich ab heute für vier Monate nicht arbeiten, stattdessen nur reisen werde. Wie soll man auch etwas derart Verrücktes begreifen? 

 

 

 

 

 

Sonntag, 4. März 2018 - Bangkok, Thailand

 

Ein Uhr nachts, also schon Montag, und ich kann wie befürchtet nicht schlafen. Es ist heiß, am Tage um die fünfunddreißig Grad, die Luft feucht und selbst die Nacht bringt kaum Abkühlung. Wenn ich meine Klimaanlage ausschalte, weil sie mich nervt, dann dauert es ein paar Minuten und es wird wieder unangenehm warm. Die Hitze steckt in den Mauern, dem Dach, in jedem Ding.

 

Am frühen Abend gelangte ich eher zufällig zum Srakesa Tempel mit dem Golden Mountain. Wie eine Murmelbahn zog sich der Weg hoch zur goldenen Spitze und als ich oben ankam, machte die Sonne gerade ihren letzten Meter des Tages. Das weiche Licht, die Gesänge der Mönche, das Klingen und Gongen, die sanft-zurückhaltende Stimmung aller Besucher: ich musste tief Luft holen. Schaute über das Häusermeer und murmelte: “Hallo, Bangkok.”

Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer wählte ich den Weg durch das touristische Viertel, aß ein Curry, traf auf hunderte Backpacker und ging durch die herrlichen kleinen Gassen nahe dem Wasser, nie besorgt, obwohl es schon dunkel war. Langte schließlich auf der großen Brücke über den Fluss an, den ich noch überqueren musste. Dort stand ich dann, hielt mich am Geländer fest, die Tränen schossen mir beim Anblick der nächtlichen Stadt in die Augen. Was für ein Geschenk! Jetzt, jetzt hatte ich es begriffen.

 

 

 

 

  

 

Dienstag, 6. März 2018 - Bangkok, Thailand

 

Die Bootsverbindungen über den Fluss sind zwar schnell, doch ganz unstressig ist die Fahrt nicht. Dicht gedrängt stehen Pendler neben Touristen und die nervige Angestellte brüllt “Go inside! Go inside!” als wären wir Kinder oder Schafe. Einem älteren Herrn, Europäer, schreit sie direkt ins Gesicht. Der antwortet auf Thai. Da ist sie baff.

 

Muss heute erst einmal wach werden. Die anfängliche Aufregung ist weg, jetzt muss ich mir überlegen, was genau ich mit meinem Tag anfange. Fürs Erste, der Kühle und des verlässlichen Kaffees wegen, habe ich mich in einen Starbucks zurückgezogen.

 

Gestern mittag - zwischen Blumenmarkt und dem großartigen Wat Pho - war meinem Kreislauf nicht klar, wohin er wollte. Musste mich in den Tempelanlagen immer wieder mal setzen, trank Flasche um Flasche Wasser und versuchte, mich so wenig wie möglich zu bewegen und vor allem aus der Sonne zu gehen. Das war eigentlich ganz schön: im Schatten sitzend, gelehnt an eine Säule, die Beine übereinander geschlagen die Touristen beobachten. Oder vor dem riesigen Buddha im Schneidersitz hocken und den Wind des Ventilators geniessen. 

 

 

Buddha ist mir sympathisch. Sein leichtes Grinsen, die entspannte Haltung. Keine Spur von Leid und Schuld. Was Wunder, dass er so anziehend wirkt. Etwa auf das ältere Paar, deren luftig-esoterische Sachen und tiefbraune Haut darauf schließen lassen, dass sie schon ewig auf Reisen sind. Ehrfürchtig sitzen sie in Yoga-Haltung ganz vorn, Buddha gleich, und beugen sich diesem stetig zu. Daneben zwei Mönche, die ausdruckslos in den Raum blicken. Ich ärgere mich maßlos über einen Typen, der mit dem Handy Fotos von ihnen macht und diese würdige Szene entweiht. Doch plötzlich entspannen sich die Mönche und der ältere von beiden bekommt vom Fotografen sein Telefon zurück.

 

 

Verkrieche mich heute über die Mittagsstunden ins Museum of Siam. Doch die Ausstellung gleicht einem Naturlehrpfad für Kinder: ziehen Sie eine Schublade hier, öffnen Sie eine Schranktür dort, versuchen Sie doch mal, dieses Puzzle zusammen zu setzen. Der Audioguide nervt mit der unaufhörlichen Wiederholung der Frage, was denn das Thai-Sein ausmacht. Da wird thailändisches Essen präsentiert und Kleidung ausgestellt und so getan, als gäbe es das nur hier. Irgendwie bekommen sie den Spagat zwischen multi-kultureller Geschichte und Identität nicht hin. Dafür wird mantrisch ein Dreiklang angeführt: Nation, Religion und König. Das ist derart bemüht, dass mir der erzieherische Gestus übel aufstösst. Nun ja, die Kinder haben Spass. Ich flüchte.

 

Und zwar in den nächstgelegenen Park unter einen großen Pavillon. Lege mich auf die kühlen Fliesen und schaue einem amerikanischen Pärchen beim Power-Yoga zu. Eins, zwei, eins, zwei - Übung folgt Übung. Bin aber zu kaputt, um mich innerlich darüber lustig zu machen. Während sie ihren Körper stählen, liegen die thailändischen Parkbediensteten zwischen ihren Körben und Harken im Schatten und staunen.

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

Please reload

© 2015-2017 By Dirk Heinecke